ZEIT ONLINE: Miete, Rente, Lohn: All diese Wahlkampfthemen können Sie allerdings nur auf Bundesebene angehen.

Tiefensee: Große Koalition ja oder nein, diese Frage hat die SPD auch in Thüringen vor eine Zerreißprobe gestellt. Viele sind aus der SPD ausgetreten. Aber man muss anerkennen: Die SPD setzt in dieser Regierung viele unserer sozialdemokratischen Kernprojekte um. Im Herbst werden wir eine Halbzeitbilanz ziehen und entscheiden, ob wir mit der Union weiter gute sozialdemokratische Politik machen können oder nicht.

ZEIT ONLINE: Mit Blick auf die Landtagswahlen haben Sie mit anderen SPD-Politikern ein Ost-Papier erarbeitet. Darin heißt es, dass die SPD 2019 über die deutsch-deutsche Geschichte miteinander ins Gespräch kommen und mit Missverständnissen zwischen Westdeutschen und Ostdeutschen aufräumen will. Welche sind das?

Tiefensee: Oft erzählen mir Menschen von der schwierigen Übergangsphase nach 1989. Wie jemand sich überschuldet hat, um ein Unternehmen aufzubauen zum Beispiel. Wie er es doch geschafft hat. Dass es für viele ein harter Umbruch war. Aber auch Stolz über das Erreichte ist da. In Westdeutschland werden die Verwerfungen, die bis heute nachwirken, oft nicht gesehen. Dort heißt es oft: "Jetzt ist mal genug! Wir haben genug Geld hingekippt, undankbar sind die!" Aber die überwiegende Zahl der strukturschwachen Gebiete in Deutschland liegt nun einmal weiterhin im Osten. Ich will keine Neiddiskussion: Nicht jeder Region in Westdeutschland geht es gut, und nicht jedem Westdeutschen geht es gut. Wichtig ist, dass es gleichwertige Lebensverhältnisse für alle gibt.

ZEIT ONLINE: In diesem Jahr jährt sich der Mauerfall zum 30. Mal. Sie waren damals Mitglied der DDR-Bürgerbewegung "Demokratie jetzt". Sie setzte sich für die Wiedervereinigung ein, wenn beide Seiten ihre Gesellschaft umgestalten und sich "aufeinander zureformieren" würden. Doch im Endeffekt mussten sich die Ostdeutschen nur der westdeutschen Lebensweise anpassen. Ist das der Kern des Problems?

Tiefensee: Es gab damals für mich keine vernünftige Alternative zur Einheit. Die Idee, eine "bessere DDR" zu schaffen, wurde durch den Wegzug junger Leute in den Westen konterkariert. Das war übrigens unser "Aufbau West": Denn diese Menschen sind heute erfolgreich im Beruf in Westdeutschland. Aber wir sollten die Schwächen der sozialen Marktwirtschaft – oder sollten wir sagen: des Kapitalismus – künftig noch klarer benennen. Bei einem Treffen der ostdeutschen SPD in Schwante haben wir diskutiert: Warum nehmen wir nicht einen Artikel aus der Weimarer Reichsverfassung ins Grundgesetz? Darin heißt es: "Die Ordnung des Wirtschaftslebens muß den Grundsätzen der Gerechtigkeit mit dem Ziele der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle entsprechen." Die Demokratie gibt uns die Instrumente an die Hand, die Schwächen unseres Gesellschaftssystems zu beheben. Das geht nur, wenn sich Menschen für demokratische Prozesse begeistern lassen. Viele wünschen sich einen starken Mann, der auf nationale Lösungen setzt und durchregiert. Aber nur in einer Demokratie kann die Minderheit mit guten Argumenten überzeugen, nur in einer Demokratie kann man gemeinsam etwas ändern.

ZEIT ONLINE: Wo gibt es noch Änderungsbedarf?

Tiefensee: Arbeit mit Menschen wird immer noch zu schlecht bezahlt und ist weniger anerkannt als ein Job in der freien Wirtschaft.  Noch immer sind Lebenschancen vom Elternhaus abhängig, die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Hier müssen wir besser werden. Ich bin daher stolz auf meine Partei und unser Vorhaben, das Hartz-IV-System zu überwinden. Ich habe mich bei den Wählerinnen und Wählern für Fehlentwicklungen bei der Hartz-IV-Reform entschuldigt. Die Reform war zu sehr auf die wenigen Arbeitslosen konzentriert, die nicht arbeiten wollen, und hat die aktiven Arbeitssuchenden demotiviert. Ihre Lebensleistung und ihre Motivation, arbeiten zu wollen, wurden missachtet. Das müssen wir ändern.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie von einer Ost-Quote?

Tiefensee: Ich möchte mich auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren, wie Lohn- und Rentengerechtigkeit. Beim Thema Angleichung der Lebensverhältnisse stehen für mich Unternehmens- und Behördenansiedelungen in Ostdeutschland auf der Agenda, der Breitbandausbau im ländlichen Raum, die Forschungsförderung für den Mittelstand. Mich überzeugt die Quote nicht und ich sehe weit wichtigere Baustellen.