Christian Lindner liest den ersten Satz seiner Parteitagsrede vom Blatt ab. Er spricht langsam, etwas unbeholfen. Das Ganze ist also völlig untypisch für den FDP-Vorsitzenden, der bekanntlich ein begabter Rhetoriker ist. Das liegt daran, dass Lindner seine Rede auf Chinesisch beginnt. Er begrüßt die Delegierten mit einem fernöstlichen Bonmot, das sinngemäß lautet: Alles wandelt sich. Immer.

Das passt zu den chinesischen Schriftzeichen, die groß und gelb an die Wand hinter Lindner projiziert werden. Sie sind gewissermaßen die Chiffren dieses Parteitags in Berlin. Sie stehen für eine Botschaft, die die FDP-Führung an diesem Parteitag aussenden möchte.

Welche Botschaft das allerdings genau sein soll, ist nach Lindners Rede nicht mal allen Delegierten klar. Das liegt daran, dass die Botschaft ambivalent ist. Zum einen gibt es eine positive Lesart: China als Land der Innovation und des Wachstums, schlechthin als neue Wirtschaftsmacht. Davon könne man lernen, vor diesen Realitäten dürfe man sich nicht verschließen. In dieser Lesart wären die Schriftzeichen eine Art popkulturelle Referenz der Liberalen an die neue Supermacht des Welthandels. Demnach müssten deutsche Kinder künftig chinesisch lernen, um mithalten zu können, wie Lindner in seiner Rede sagt. Ob er das aber ironisch meint, wird nicht ganz klar.

Die Ambivalenzen der FDP

Denn er bedient sich fast im selben Atemzug auch eines gegenteiligen China-Bildes. Hier steht das Land für ein liberales Schreckensszenario, für ein postsozialistisches Staatsmodell, in dem Planung, Enteignung und Gigantismus die Regeln diktieren. Lindner selbst betont, dass er "keine Angst vor dem gelben Mann" schüren will, was sogar einer seiner Anhänger hinterher "ein bisschen nationalistisch" formuliert findet.

Das Riesenreich ist in Lindners Rede Verheißung und Bedrohung zugleich. Die ganze Metaphorik bleibt etwas rätselhaft und gibt Anlass für Kritik. "Wachsweich" und "völlig unklar", sagt beispielsweise Patrick Döring. Er war mal Generalsekretär der FDP – und zugegebenermaßen noch nie ein Linder-Fan. Döring steht vor der Parteitagshalle und lässt kaum ein gutes Haar an der zeitgenössischen Ausrichtung seiner Partei. Die neue FDP habe "eine Heidenangst zu polarisieren", sagt er.

Tatsächlich stößt man häufiger auf Ambivalenzen. Etwa in der Klimapolitik, die auf diesem Parteitag einen großen Stellenwert einnimmt. Alles andere wäre auch seltsam gewesen, dominieren doch die Debatten über Dieselfahrverbote, Kohleausstieg und Schülerproteste derzeit den politischen Diskurs. Für die FDP indes ist dieses Themenfeld undankbar. Anders als bei den Grünen, den alten Erzfeinden, ist die Haltung der FDP hier uneindeutig.