"Wir müssen einen digitalen Totalitarismus verhindern"

Die Folgen der Digitalisierung für Ressourcen und Klima werden bislang kaum berücksichtigt. In seinem neuen Gutachten beschäftigt sich der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) damit. Im Interview spricht der WBGU-Vorsitzende Dirk Messner über die Ergebnisse und was Regierungen, Organisationen wie die Vereinten Nationen aber auch die Wissenschaft tun muss.

ZEIT ONLINE: Auf Seite eins seines jüngsten Gutachtens schreibt der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU), die globale Gesamtschau der Digitalisierung könne er "nur mit Schwächen, Verallgemeinerungen und Auslassungen" leisten. Das ist ungewöhnlich. Warum schränken Regierungsberater Ihre eigenen Bewertungen ein?

Dirk Messner: Wir bemühen uns ja erstmals um eine 360 Grad-Perspektive auf die beiden Kardinalherausforderungen der Weltgesellschaft: die digitale Revolution und die Erhaltung der Lebensgrundlagen. Da wollten wir ehrlich sagen: die digitale Transformation entwickelt sich derart rasant, sie ist so tiefgreifend und komplex, berührt so viele Dimensionen gesellschaftlicher Entwicklung, dass wir mit der Einordnung ihrer Dynamiken teilweise auch schief liegen können. Menschheitsgeschichtlich stehen wir mitten in einem Epochenbruch.

ZEIT ONLINE: Geht es auch ein bisschen kleiner? Digitalisierung ist ja nicht ganz neu…

Messner: Immerhin ermöglicht sie jetzt nichts weniger als die Transformation des Menschen. Noch ist es zwar eine Spekulation zwischen Hoffnung, Horror und Hype, wie sich künstliche Intelligenz, künstliche Evolution oder human enhancement, also die technische Optimierung unserer physischen und geistigen Möglichkeiten, entwickeln werden. Aber all diese Optionen werden ja schon ganz konkret verfolgt. Gerade erst haben wir uns bewusst gemacht, dass unsere Gattung im Anthropozän die Entwicklung des Planeten bestimmt – da versetzen wir uns auch schon in die Lage, den Menschen selbst zu verändern.

ZEIT ONLINE: Für den Einsatz künstlicher Intelligenz hat die EU-Kommission gerade ethische Leitlinien zur Diskussion gestellt. Ist das die richtige politische Antwort? 

Messner: Wir brauchen noch viel mehr solcher normativen Diskurse. Sie sollten nicht nur von Experten, sondern auch in der Gesellschaft, in den Parteien, Gewerkschaften, Unternehmen geführt werden. Außerdem fehlen Institutionen, Standards und Regeln, um auch die beiden anderen, schon viel konkreter entwickelten Dynamiken der Digitalisierung in nachhaltige Bahnen zu lenken.

ZEIT ONLINE: Welche Dynamiken meinen Sie?

Messner: Es gilt, einen digitalen Totalitarismus zu verhindern, also staatliche Überwachung und die Einschränkung der Privatsphäre, auch durch Digitalunternehmen. Darüber wird ja schon viel diskutiert. Noch kaum bedacht wird aber, ob die neuen Technologien so genutzt werden, dass sie das Erd- und Klimasystem schützen und weltweit den sozialen Zusammenhalt fördern. Gelingt das nicht, dann scheitert die Agenda 2030 der Vereinten Nationen mit ihren Nachhaltigkeitszielen. In diesen 17 Zielen kommt die Digitalisierung derzeit kaum vor! Dabei beeinflusst die Digitalisierung jedes einzelne Ziel fundamental.

ZEIT ONLINE: Die Digitalisierung könne sogar zum "Brandbeschleuniger" für Ressourcenübernutzung und Klimawandel werden, warnen Sie in Ihrem Gutachten. Meinen Sie damit, dass wir zu viel Energie verbrauchen, indem wir Blockchains aufbauen, online shoppen oder Filme streamen?

Messner: Ja, die Energieintensität der Digitalisierung ist ein Problem. Darüber hinaus kritisieren wir eine alte Lebenslüge: Schon seit den sechziger Jahren wird die Digitalisierung mit der Begründung vorangetrieben, Industrie und Wirtschaft könnten mit ihrer Hilfe effizienter produzieren, Material und Energie einsparen. Auch jetzt sollen wieder smarte Städte, smarte Häuser, smarte Fabriken oder smarte Netze in Sachen Nachhaltigkeit alles richten. Aber bisher haben solche technischen Möglichkeiten das Muster des Wachstums nicht verändert. Bisher dient die Digitalisierung vor allem der Unterhaltung, der Bequemlichkeit, sie soll auf etablierten Märkten kurzfristig finanzielle Gewinne einbringen. Sie ist ein Treiber jenes Modells, das unser Erdsystem zerstört. Auch bei der Ungleichheit wird zunächst alles beschleunigt, was uns heute schon Sorgen macht.

ZEIT ONLINE: Auf welche Weise?

Messner: Wir sehen vier schiefe Ebenen: erstens die soziale Kluft zwischen denen, die digitale Instrumente nutzen und jenen, denen Geld und Bildung dafür fehlen. Zweitens die enorme globale Machtkonzentration bei den Digitalisierungspionieren von Amazon bis Google. Drittens die Bedrohung der Menschenrechte, unserer Privatheit. Viertens die fehlende Gestaltung durch Regierungen. Globalisierung hat Regierungshandeln erschwert; Digitalisierung verschärft diesen Trend. Auf all diesen Ebenen rutschen jene, die schon heute in Schwierigkeiten sind, noch stärker an den Rand. Das gilt sowohl innerhalb der Staaten wie in der Weltgesellschaft.

"Europa muss mehr in Forschung und KI investieren"

ZEIT ONLINE: Welche Konsequenzen ziehen Sie aus solchen Fehlentwicklungen: sollte es ein Moratorium geben? Verbote?

Messner: Nein, denn die Digitalisierung eröffnet auch vielfältige konstruktive Möglichkeiten. Kreislaufwirtschaft, grüne Energieversorgung, Dematerialisierung und Dekarbonisierung kann man mit Datentechnik besser hinkriegen als ohne. Der WBGU wird oft gescholten, einseitig zu sein – und das sind wir, wenn es um die Verhinderung von Kipp-Punkten im Erdsystem geht. Dieses Gutachten ist ausgewogen, es zeigt: Chancen und Risiken, Utopie und Dystopie liegen bei der Digitalisierung nahe beieinander. Wir müssen rasch lernen, diese mächtigen Werkzeuge für die Lösung der zentralen Menschheitsprobleme einzusetzen.

ZEIT ONLINE: Wie konkret könnte das gehen?  

Messner: Wenn wir zum Beispiel in Europa verbindlich festlegen würden, dass bis 2040 komplette Kreislaufökonomien aufgebaut werden sollen, dann könnte die Digitalisierung die Verwertungsprozesse steuern. Würden wir Schutzgebiete für Ökosysteme vergrößern, um die Artenvielfalt zu erhalten, dann könnten digitale Instrumente die Überwachung erleichtern. Würden wir armen Ländern digitale Bibliotheken zugänglich machen, könnte das dort Entwicklung fördern... Das Gutachten ist voll mit Vorschlägen. Aber man kommt nur darauf, wenn man die Verbindung zwischen Digitalisierung, KI, virtuellen Räumen und nachhaltiger Entwicklung systematisch erarbeitet.    

ZEIT ONLINE: Ihr Gutachten macht wenig Hoffnung, dass dieses Zusammendenken gelingt. Demnach fehlt es schon in der Wissenschaft…

Messner: … da haben wir festgestellt: Die Arbeitsbereiche der Digitalisierungsforscher und der Nachhaltigkeitsforscher überlappen sich so gut wie gar nicht. 

ZEIT ONLINE: Kürzlich fand immerhin in Berlin ein Kongress mit dem schönen Titel "Bits & Bäume" statt. 1.700 Teilnehmer strömten zum Treffen der Öko- und Digitalisierungsforscher. Spricht das nicht gegen Ihre Analyse?

Messner: Die Konferenz war ja eine Reaktion auf das Versäumnis und ein guter erster Schritt. Aber es geht nicht nur um ein paar Forschungsvorhaben, wir stehen vor einer Herkulesaufgabe: einem Systemwandel der gesamten Wissenserkundung. Wir sehen das ähnlich wie vor 30 Jahren, als sich erstmals Ökologie-, Erdsystem- und Klimaforscher mit Sozialwissenschaftlern und Ökonomen verbunden haben. Das mündete 1992 im großen UN-Erdgipfel in Rio. Er setzte den neuen Punkt: Umwelt und Entwicklung gehören zusammen. Es war die Entdeckung der Nachhaltigkeit.

ZEIT ONLINE: Darauf spielt schon der Titel Ihres Gutachtens an: "Unsere gemeinsame digitale Zukunft". Seinerzeit bereitete der Brundtland-Bericht "Unsere gemeinsame Zukunft" jenem Erdgipfel den Weg. 

Messner: Heute müssen wir Nachhaltigkeitswissenschaftler gemeinsame Methoden und eine gemeinsame Sprache mit den Experten der Technosphäre entwickeln. Und das unter einem enormen Zeitdruck. Den setzen die technische Beschleunigung und das enge Zeitfenster, in dem das Klimaproblem gelöst werden muss.

ZEIT ONLINE: Noch skeptischer werden in Ihrem Gutachten die Regierungen beurteilt, die den komplexen Prozess steuern sollen. Demnach fehlen in Kommunen, Ländern, Ministerien schlicht Leute, die Möglichkeiten und Risiken der Digitalisierung kompetent bewerten können. Wie sollen sie diese dann Richtung Nachhaltigkeit steuern?

Messner: Wir brauchen dringend eine Modernisierungsoffensive in allen öffentlichen Institutionen. Das bedeutet vor allem Ausbildung, neue vernetzte Verwaltungsstrukturen, die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern. Dass so etwas gelingen kann, haben wir in den siebziger Jahren gesehen. Damals nahm die sozialliberale Koalition erfolgreich den Wandel vom Obrigkeitsstaat zum modernen Wohlfahrtsstaat in Angriff.

ZEIT ONLINE: Sie mahnen politische Gestaltung an, aber in der öffentlichen Debatte klingt es meist anders. Da fordern Politik und Wirtschaft ein Ende der Bedenkenträgerei und der Trägheit, weil Deutschland und Europa als digitale Nachzügler China und USA hinterherhinken.

Messner: Auch wir meinen, dass Europa mehr in Forschung, Technologieentwicklung und KI investieren muss, um seine Chancen in der Weltwirtschaft zu behaupten und deren Ordnung mit gestalten zu können. Dabei sehen wir aber eine Konkurrenz der Modelle. Ein Modell ist die autokratische digitale Gesellschaft Chinas, die vielleicht sogar ökoeffizient ist, aber die Bürgerrechte stark beschneidet. Das zweite Modell sind die USA, dort haben die privaten Akteure weitestgehende Freiheit. In Europa könnten wir uns einen komparativen und normativen Vorteil verschaffen, indem wir digitale Strukturen, Künstliche Intelligenz und virtuelle Realität von Anfang an Richtung Nachhaltigkeit orientieren.

"Wir müssen einen digitalen Totalitarismus verhindern"

ZEIT ONLINE: Was sollen die Regierungen konkret tun?

Messner: Auch wenn es vielleicht langweilig klingt: Wir fordern zum Beispiel eine Besteuerung von Ressourcen und einen angemessenen Preis für Treibhausgasemissionen. Solche Anreizsysteme werden den Markt verändern. Ganz oben auf der Agenda steht außerdem die Frage, wie man die Besteuerung in virtuellen Räumen verbessert. Man kann die Investitionen und Geldströme ja kaum mehr nachvollziehen, auch da verstärken Fortschritte der Digitalisierung alte Probleme der Globalisierung. Bei all diesen Themen ist dringend internationale Kooperation gefordert.

ZEIT ONLINE: Multilaterale Zusammenarbeit steht aber gerade nicht sehr hoch im Kurs.

Messner: Das stimmt nicht ganz, bei der Frage nach Steuern und Finanzströmen zumindest lehnen wir uns Debatten an, die bei der OECD und im IMF geführt werden, zum Beispiel über Beschränkungen für Steueroasen. Aber sie übersetzen sich zu wenig in konkrete Aktivitäten. Denn politisch – das stimmt – hat der Multilateralismus gerade keine guten Karten. Wir sehen aber in der Digitalisierung zugleich neue Chancen für ein Welt- und Weltumweltbewusstsein.

ZEIT ONLINE: Warum?

Messner: In virtuellen Strukturen gelingt es uns besser, uns transnational zu vernetzen, ohne dauernd durch die Gegend zu fliegen. Die Verschmelzung von virtuellen und physischen Räumen ermöglicht es, sich in Echtzeit an jeden Ort des Planeten zu versetzen und andere Gesellschaften besser zu verstehen. Da können neue Kooperationskulturen entstehen. In unserem Gutachten haben wir eine Charta für einen neuen digitalen Humanismus entwickelt, sie soll die UN-Nachhaltigkeitsziele aus Digitalisierungsperspektive ergänzen. Ihre Prinzipien werden wir als "lebendes Dokument" auf die WBGU-Homepage stellen. Dann können Initiativen aus aller Welt sie fortschreiben. Das verstehen wir auch als Beitrag zur Vorbereitung eines großen Gipfels der Vereinten Nationen im Jahr 2022.

ZEIT ONLINE: Sie fordern, die Bundesregierung solle so einen Erdgipfel für Digitalisierung und Nachhaltigkeit vorantreiben. Wie realistisch ist das?

Messner: Es gibt noch nichts Konkretes, aber aus Kreisen der Bundesregierung kriegen wir positive Rückmeldungen. Auch der Generalsekretär der Vereinten Nationen hat jüngst eine Task Force berufen, die die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Zukunft der Menschheit erkunden soll. Solche Signale zeigen: das Thema ist reif.