ZEIT ONLINE: Welche Konsequenzen ziehen Sie aus solchen Fehlentwicklungen: sollte es ein Moratorium geben? Verbote?

Messner: Nein, denn die Digitalisierung eröffnet auch vielfältige konstruktive Möglichkeiten. Kreislaufwirtschaft, grüne Energieversorgung, Dematerialisierung und Dekarbonisierung kann man mit Datentechnik besser hinkriegen als ohne. Der WBGU wird oft gescholten, einseitig zu sein – und das sind wir, wenn es um die Verhinderung von Kipp-Punkten im Erdsystem geht. Dieses Gutachten ist ausgewogen, es zeigt: Chancen und Risiken, Utopie und Dystopie liegen bei der Digitalisierung nahe beieinander. Wir müssen rasch lernen, diese mächtigen Werkzeuge für die Lösung der zentralen Menschheitsprobleme einzusetzen.

ZEIT ONLINE: Wie konkret könnte das gehen?  

Messner: Wenn wir zum Beispiel in Europa verbindlich festlegen würden, dass bis 2040 komplette Kreislaufökonomien aufgebaut werden sollen, dann könnte die Digitalisierung die Verwertungsprozesse steuern. Würden wir Schutzgebiete für Ökosysteme vergrößern, um die Artenvielfalt zu erhalten, dann könnten digitale Instrumente die Überwachung erleichtern. Würden wir armen Ländern digitale Bibliotheken zugänglich machen, könnte das dort Entwicklung fördern... Das Gutachten ist voll mit Vorschlägen. Aber man kommt nur darauf, wenn man die Verbindung zwischen Digitalisierung, KI, virtuellen Räumen und nachhaltiger Entwicklung systematisch erarbeitet.    

ZEIT ONLINE: Ihr Gutachten macht wenig Hoffnung, dass dieses Zusammendenken gelingt. Demnach fehlt es schon in der Wissenschaft…

Messner: … da haben wir festgestellt: Die Arbeitsbereiche der Digitalisierungsforscher und der Nachhaltigkeitsforscher überlappen sich so gut wie gar nicht. 

ZEIT ONLINE: Kürzlich fand immerhin in Berlin ein Kongress mit dem schönen Titel "Bits & Bäume" statt. 1.700 Teilnehmer strömten zum Treffen der Öko- und Digitalisierungsforscher. Spricht das nicht gegen Ihre Analyse?

Messner: Die Konferenz war ja eine Reaktion auf das Versäumnis und ein guter erster Schritt. Aber es geht nicht nur um ein paar Forschungsvorhaben, wir stehen vor einer Herkulesaufgabe: einem Systemwandel der gesamten Wissenserkundung. Wir sehen das ähnlich wie vor 30 Jahren, als sich erstmals Ökologie-, Erdsystem- und Klimaforscher mit Sozialwissenschaftlern und Ökonomen verbunden haben. Das mündete 1992 im großen UN-Erdgipfel in Rio. Er setzte den neuen Punkt: Umwelt und Entwicklung gehören zusammen. Es war die Entdeckung der Nachhaltigkeit.

ZEIT ONLINE: Darauf spielt schon der Titel Ihres Gutachtens an: "Unsere gemeinsame digitale Zukunft". Seinerzeit bereitete der Brundtland-Bericht "Unsere gemeinsame Zukunft" jenem Erdgipfel den Weg. 

Messner: Heute müssen wir Nachhaltigkeitswissenschaftler gemeinsame Methoden und eine gemeinsame Sprache mit den Experten der Technosphäre entwickeln. Und das unter einem enormen Zeitdruck. Den setzen die technische Beschleunigung und das enge Zeitfenster, in dem das Klimaproblem gelöst werden muss.

ZEIT ONLINE: Noch skeptischer werden in Ihrem Gutachten die Regierungen beurteilt, die den komplexen Prozess steuern sollen. Demnach fehlen in Kommunen, Ländern, Ministerien schlicht Leute, die Möglichkeiten und Risiken der Digitalisierung kompetent bewerten können. Wie sollen sie diese dann Richtung Nachhaltigkeit steuern?

Messner: Wir brauchen dringend eine Modernisierungsoffensive in allen öffentlichen Institutionen. Das bedeutet vor allem Ausbildung, neue vernetzte Verwaltungsstrukturen, die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern. Dass so etwas gelingen kann, haben wir in den siebziger Jahren gesehen. Damals nahm die sozialliberale Koalition erfolgreich den Wandel vom Obrigkeitsstaat zum modernen Wohlfahrtsstaat in Angriff.

ZEIT ONLINE: Sie mahnen politische Gestaltung an, aber in der öffentlichen Debatte klingt es meist anders. Da fordern Politik und Wirtschaft ein Ende der Bedenkenträgerei und der Trägheit, weil Deutschland und Europa als digitale Nachzügler China und USA hinterherhinken.

Messner: Auch wir meinen, dass Europa mehr in Forschung, Technologieentwicklung und KI investieren muss, um seine Chancen in der Weltwirtschaft zu behaupten und deren Ordnung mit gestalten zu können. Dabei sehen wir aber eine Konkurrenz der Modelle. Ein Modell ist die autokratische digitale Gesellschaft Chinas, die vielleicht sogar ökoeffizient ist, aber die Bürgerrechte stark beschneidet. Das zweite Modell sind die USA, dort haben die privaten Akteure weitestgehende Freiheit. In Europa könnten wir uns einen komparativen und normativen Vorteil verschaffen, indem wir digitale Strukturen, Künstliche Intelligenz und virtuelle Realität von Anfang an Richtung Nachhaltigkeit orientieren.