ZEIT ONLINE: Was sollen die Regierungen konkret tun?

Messner: Auch wenn es vielleicht langweilig klingt: Wir fordern zum Beispiel eine Besteuerung von Ressourcen und einen angemessenen Preis für Treibhausgasemissionen. Solche Anreizsysteme werden den Markt verändern. Ganz oben auf der Agenda steht außerdem die Frage, wie man die Besteuerung in virtuellen Räumen verbessert. Man kann die Investitionen und Geldströme ja kaum mehr nachvollziehen, auch da verstärken Fortschritte der Digitalisierung alte Probleme der Globalisierung. Bei all diesen Themen ist dringend internationale Kooperation gefordert.

ZEIT ONLINE: Multilaterale Zusammenarbeit steht aber gerade nicht sehr hoch im Kurs.

Messner: Das stimmt nicht ganz, bei der Frage nach Steuern und Finanzströmen zumindest lehnen wir uns Debatten an, die bei der OECD und im IMF geführt werden, zum Beispiel über Beschränkungen für Steueroasen. Aber sie übersetzen sich zu wenig in konkrete Aktivitäten. Denn politisch – das stimmt – hat der Multilateralismus gerade keine guten Karten. Wir sehen aber in der Digitalisierung zugleich neue Chancen für ein Welt- und Weltumweltbewusstsein.

ZEIT ONLINE: Warum?

Messner: In virtuellen Strukturen gelingt es uns besser, uns transnational zu vernetzen, ohne dauernd durch die Gegend zu fliegen. Die Verschmelzung von virtuellen und physischen Räumen ermöglicht es, sich in Echtzeit an jeden Ort des Planeten zu versetzen und andere Gesellschaften besser zu verstehen. Da können neue Kooperationskulturen entstehen. In unserem Gutachten haben wir eine Charta für einen neuen digitalen Humanismus entwickelt, sie soll die UN-Nachhaltigkeitsziele aus Digitalisierungsperspektive ergänzen. Ihre Prinzipien werden wir als "lebendes Dokument" auf die WBGU-Homepage stellen. Dann können Initiativen aus aller Welt sie fortschreiben. Das verstehen wir auch als Beitrag zur Vorbereitung eines großen Gipfels der Vereinten Nationen im Jahr 2022.

ZEIT ONLINE: Sie fordern, die Bundesregierung solle so einen Erdgipfel für Digitalisierung und Nachhaltigkeit vorantreiben. Wie realistisch ist das?

Messner: Es gibt noch nichts Konkretes, aber aus Kreisen der Bundesregierung kriegen wir positive Rückmeldungen. Auch der Generalsekretär der Vereinten Nationen hat jüngst eine Task Force berufen, die die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Zukunft der Menschheit erkunden soll. Solche Signale zeigen: das Thema ist reif.