Durch die Luftangriffe der internationalen Koalition gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS) auf die nordsyrische Stadt Rakka sind von Juni bis Oktober 2017 laut Menschenrechtsorganisationen mehr als 1.600 Zivilistinnen und Zivilisten getötet worden. Die US-geführte Koalition habe nur rund ein Zehntel dieser Opfer anerkannt, teilten die Organisationen Amnesty International und Airwars mit.

Ihre Angaben basieren auf ausführlicher Feldforschung und der Auswertung von mehr als zwei Millionen Satellitenbildern und Tausender Posts in Onlinenetzwerken. An der Datenanalyse beteiligten sich demnach mehr als 3.000 Aktivistinnen und Aktivisten. So konnten mehr als 1.600 Opfer festgestellt werden, von denen mehr als Tausend namentlich identifiziert worden seien. Die Koalition hat den Angaben nach nur den Tod von 159 Zivilisten bestätigt. Angaben zu den anderen Toten tat sie als "unglaubwürdig" ab. Eigene Untersuchungen unternahm die Koalition nicht.

Laut Amnesty flog die Militärallianz zahlreiche Luftangriffe auf Wohngebiete, wodurch ganze Familien getötet worden seien. "Viele Bombenangriffe waren ungenau, Zehntausende Artillerieattacken erfolgten willkürlich", sagte die Amnesty-Vertreterin Donatella Rovera. Airwars-Direktor Chris Woods forderte die Koalition auf, die Luftangriffe in Rakka genau zu untersuchen. "Sie muss aus ihren Fehlern lernen, damit der Zivilbevölkerung bei zukünftigen Militäroperationen nicht noch einmal ein derart enormes Leid zugefügt wird", sagte Woods.

Mit den Luftangriffen unterstützte die Koalition damals eine Bodenoffensive der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) auf die nordsyrische Großstadt. Rakka stand seit 2013 unter Kontrolle der IS-Miliz. Die Luftangriffe wurden vom Militär der USA, Großbritanniens und Frankreichs geflogen, doch beteiligten sich zahlreiche weitere europäische und arabische Länder an der Koalition. Deutschland war mit Aufklärungs- und Tankflugzeugen an dem Einsatz beteiligt.

Laut Amnesty waren viele der Angriffe mögliche Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht. Die Koalition müsse ihr Vorgehen untersuchen und Opfer entschädigen, forderte die Organisation. Das Militärbündnis erklärte, alle Vorwürfe würden geprüft. "Die Koalition trifft alle vernünftigen Maßnahmen, um die Zahl ziviler Opfer zu minimieren. Wir führen Präzisionsangriffe aus mit eingehender Überwachung", sagte ein Sprecher.