Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat Juden in Deutschland ermutigt, weiterhin öffentlich eine Kippa zu tragen. "Jeder kann und soll seine Kippa tragen, egal wo und wann er möchte", sagte Herrmann. Die jüdische Kopfbedeckung sei Teil der Religionsfreiheit. Sie aus Angst nicht mehr zu tragen, bedeute ein "Einknicken" vor dem Judenhass. Damit überlasse man rechtem Gedankengut das Feld, sagte Herrmann weiter.

Herrmann widersprach damit einer Äußerung von Felix Klein, dem Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung. Klein hatte Juden in einem Interview davon abgeraten, sich überall in Deutschland mit einer Kippa zu zeigen. "Ich kann Juden nicht empfehlen, jederzeit überall in Deutschland die Kippa zu tragen. Das muss ich leider so sagen", sagte Klein gegenüber der Funke Mediengruppe. Klein begründete seine Äußerungen mit einer "zunehmenden gesellschaftlichen Enthemmung und Verrohung". Religiöse Juden tragen die Kippa, ein rundes Käppchen, als Zeichen der Gottesfurcht.

"Offenbarungseid des Staates"

Der jüdische Publizist Michel Friedman bezeichnete Kleins Ratschlag als "Offenbarungseid des Staates". Friedman verwies auf Artikel 4 des Grundgesetzes, der unter anderem Religionsfreiheit garantiert. "Anscheinend versagt der Staat, dies allen jüdischen Bürgern im Alltag zu ermöglichen", sagte Friedman.

Auch Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) zeigte sich besorgt über die wachsende Gewalt gegen Juden. Die immer häufigeren Gewalttaten seien "beschämend" für Deutschland, sagte Barley dem Handelsblatt. Polizei und Justiz seien wachsam – doch auch die Gesellschaft müsse ihren Beitrag leisten. "Jüdisches Leben müssen wir mit allen Mitteln unseres Rechtsstaats schützen und Täter unmittelbar zur Verantwortung ziehen."

Anstieg antisemitischer Straftaten

Der Zentralrat der Juden warnt immer wieder vor wachsendem Antisemitismus in Deutschland. Auch die Organisation rät Juden davon ab, die Kippa in Teilen von Großstädten zu tragen. Die Erfahrung habe gezeigt, dass das offene Tragen einer Kippa oder einer Halskette mit einem Davidstern verbale oder körperliche Bedrohung zur Folge haben könne.

2018 war die Zahl antisemitischer Straftaten bundesweit stark angestiegen. Der jüngste Jahresbericht zur politisch motivierten Kriminalität wies 1.799 Fälle aus, 19,6 Prozent mehr als 2017.