Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) hat die Kritik an seinem Vorschlag, über eine neue Nationalhymne zu diskutieren, zurückgewiesen. Er könne die Empörung nicht verstehen. "Was spräche gegen einen Hymnen-Wettbewerb? Was spräche gegen eine neue Hymne, die in Ost und West aus tiefstem Herzen mitgesungen werden kann? Das wäre doch gelebter Patriotismus", sagte Ramelow der Tageszeitung Die Welt.

Er selbst fände die im Jahr 1950 von Bertolt Brecht gedichtete Kinderhymne in Kombination mit Haydns Melodie der deutschen Nationalhymne "eine bessere Variante". Der Text von Brecht sei "ein humanistisches Bekenntnis, da steht niemand über oder unter jemand anderem". Es gehe ihm auch nicht darum, Brecht durchzusetzen. Er wolle eine ergebnisoffene Diskussion.

Brechts Kinderhymne beginnt mit den Sätzen: "Anmut sparet nicht noch Mühe, Leidenschaft nicht noch Verstand, dass ein gutes Deutschland blühe, wie ein andres gutes Land." Und weiter heißt es: "Und nicht über und nicht unter andern Völkern wolln wir sein (…)."

Bei der bundesdeutschen Nationalhymne handelt es sich um die dritte Strophe des Lieds der Deutschen von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben ("Einigkeit und Recht und Freiheit"). Die Nationalsozialisten ließen nur die erste Strophe singen, in der es "Deutschland ... über alles in der Welt" und "... von der Maas bis an die Memel" heißt.

Ramelow sagte, mit dem von Fallersleben gedichteten Text der Nationalhymne habe er kein Problem, könne heute aber nicht ausblenden, "was die Nazis aus der ersten Strophe gemacht haben". "Und ich kann nicht ausblenden, was gemeint ist, wenn Rechtsradikale heute 'Deutschland, Deutschland, über alles' singen."

Nationalhymne - "Das Lied der Deutschen" Der Komponist Joseph Haydn hat in die deutsche Hymne ein Volkslied eingeschmuggelt. Was Sie sonst noch darüber wissen sollten, verrät Musikwissenschaftler Hartmut Fladt. © Foto: Zeit Online

Er bedaure, "dass wir vor 29 Jahren, als die demokratisch gewählte Volkskammer der DDR und der Bundestag sich auf den Weg zur deutschen Einheit gemacht haben, keine längere Diskussion über eine andere Nationalhymne geführt haben, in der sich alle wiedererkennen können".

In den Verhandlungen zum Einigungsvertrag 1989/90 hatte der damalige und zugleich letzte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière, vorgeschlagen, die erste Strophe der DDR-Hymne der westdeutschen Nationalhymne textlich anzugliedern. Die bundesdeutschen Verhandlungspartner um Bundeskanzler Helmut Kohl lehnten das ab.