Man mag es kaum glauben, aber es gibt noch sozialdemokratische Märchen mitten in Europa. Pedro Sánchez steht für ein solches. Spaniens Premier war einmal so etwas wie die Andrea Nahles von Madrid: chronisch erfolglos, verspottet, abgeschrieben. Doch dann kam alles anders.

Seit gut einem Jahr regiert der Sozialist sein Land in einer Minderheitsregierung. Er verspricht mehr Rentensicherheit, mehr Gleichberechtigung und weniger "altes Denken". Bisher ist er ein Ankündigungspremier, allzu viel konkrete Politik hat Sánchez wegen seiner fehlenden Regierungsmehrheit im Parlament noch gar nicht umsetzen können. Sein Haushalt, der mehr Sozialausgaben vorsah, kam nicht durchs Parlament. Trotzdem hat sich die spanische Arbeiterpartei in seinen zwölf Monaten Regierungszeit zur stärksten Kraft im Land gemausert. Bei der Europawahl holte sie rund 33 Prozent, auch bei der wegen der Haushaltskrise vorgezogenen Parlamentswahl Ende April lag sie mit 28 Prozent erstmals seit acht Jahren vorne.

Es sind Geschichten wie diese, die sie sich aktuell bei der SPD erzählen, auch um Hoffnung zu fassen. Denn nicht überall ist die Situation so hoffnungslos wie in Deutschland, Frankreich, Großbritannien oder Italien: Es gibt sie noch, kleine sagenumwobene Enklaven mitten in Europa, in denen die Sozialdemokraten gerade wieder hip sind. Auch in Schweden und Dänemark, Portugal und Malta waren sie bei der Europawahl stark, für eine kleine Sensation sorgten mit ihrem überraschenden Wiederaufstieg aber vor allem die Arbeiterparteien in Spanien und den Niederlanden.

Optimismus und Aufbruchsgeist können schon reichen

Schließlich war die Partij van de Arbeit (PvdA) bei der niederländischen Parlamentswahl 2017 schon auf 5,7 Prozent zusammengeschrumpft. Nun holte sie mit dem europäischen Spitzenkandidaten Frans Timmermans bei der Europawahl 18 Prozent, im zersplitterten Parteiensystem des Landes ist sie damit stärkste Kraft geworden und hat die Rechtspopulisten klein gemacht. Alles nur Zufall? Oder kann sich die deutsche SPD von beiden Ländern etwas abgucken?

Am Beispiel Spanien und Niederlande zeigt sich exemplarisch: Das Comeback einer bereits totgesagten Partei kann gelingen, wenn verschiedene Faktoren aufeinandertreffen. Es braucht eine mutige Führungspersönlichkeit, eine relevante Botschaft für die Bürgerinnen und Bürger und das berühmte Momentum, also den richtigen Zeitpunkt, der der Partei Gestaltungsmacht verleiht. Kommt das zusammen, dann sind Wähler auch mal bereit, vergangene Sünden zu verzeihen und ihre Meinung zu einer Partei zu ändern, auch wenn diese programmatisch vielleicht gar nicht so viel geändert hat. In Deutschland hat das 2017 zuletzt die FDP bewiesen, bis sie sich mit ihrem Nein zur Jamaika-Koalition selbst aus dem Spiel nahm.

Wie war das in Spanien? Eine Reise in das Jahr 2016: Pedro Sánchez, ein Wirtschaftsdozent, langjähriger Parteikader und seit zwei Jahren Psoe-Chef, verliert die Parlamentswahl mit einem historisch schlechten Ergebnis für seine stolze Arbeiterpartei. Die Psoe (Partido Socialista Obrero Español) hatte Spanien in den Achtzigerjahren in die Demokratie geführt und seitdem abwechselnd mit den Konservativen Spanien regiert. Jetzt hält sie sich gerade noch so auf Platz zwei, doch fast gleichauf liegt die neue Linksformation Podemos, die radikaler, frischer und vor allem deutlich gewitzter in den sozialen Netzwerken auftritt. Im Vergleich mit dem wortgewandten und telegenen Podemos-Anführer Pablo Iglesias wirkt die Psoe altbacken, ideenlos, als Vertreterin einer "alten", viel zu konformen und zu wirtschaftsnahen Politik. Podemos gilt als die kommende neue spanische Volkspartei.

Es kommt wie so oft nach Wahlniederlagen: Sánchez, in der internationalen Presse bald nur noch als "schöner Wirtschaftsdozent" betitelt, wird wenig später in einem internen Machtkampf gestürzt. Es heißt sogar, er habe nie das Format besessen, um Spanien zu führen. So weit die Analogien zur deutschen SPD. Doch er schafft das Comeback: In einem alten Auto, so die gern erzählte Legende in der spanischen Arbeiterpartei, sei der geschasste Parteichef über das Land gefahren und habe nach und nach die Herzen der einfachen Parteimitglieder neu für sich erwärmt. In einer parteiinternen Urwahl stürzt er 2017 seine mächtige interne Konkurrentin, wird wieder Partei- und Fraktionsvorsitzender. Dann kommt das berühmte Momentum: Als die langjährige konservative Regierungspartei sich im Juni 2018 wegen zahlreicher Korruptionsskandale jeder Glaubwürdigkeit beraubt hatte, sammelt Sánchez Stimmen in den anderen Parteien für ein Misstrauensvotum. Am Ende stürzt er mit einer bunten Koalition den damaligen Premier Mariano Rajoy.

Symbole statt Klein-Klein

"Sánchez hat in diesem Moment Mut und Chuzpe bewiesen", sagt der Madrider Politikwissenschaftler Fernando Vallespín. "Eine solche Risikobereitschaft sieht man bei anderen Führungspersönlichkeiten der europäischen Sozialdemokratie selten." Regiert hat die Psoe nämlich seither allein, mit 86 von 350 Abgeordneten im Parlament. Für jedes Gesetzesvorhaben musste sie mühsam auf Unterstützersuche gehen.

Sánchez setzt daher auf Symbole: Er beruft mehr Ministerinnen als Minister ins Kabinett, fordert (bislang erfolglos), den verstorbenen Diktator Franco aus seinem pompösen Grab in eine einfache Stätte umzubetten. Im Konflikt mit den nach Unabhängigkeit strebenden Katalanen setzt er auf Dialog statt Härte. "Sánchez' moderater, optimistischer Kurs kommt auch im bürgerlichen Lager gut an", sagt Vallespín. "Er verspricht den Spaniern Modernisierung, vermittelt den Eindruck: Gesellschaftlicher und sozialer Wandel ist möglich, wenn auch nur Schritt für Schritt." Damit habe der einst so erfolglose Sozialist die Sehnsucht vieler Landsleute gut getroffen. Programmatisch hat die Psoe sich allerdings kaum verändert: Sie fährt weiterhin einen moderaten Linkskurs, erkennt die Sparvorgaben der EU an und der Klimaschutz ist in Spanien bisher kein großes Wahlkampfthema. Doch wirkt die Partei wie neu geboren: "Sánchez hat das klug gemacht", sagt Politikwissenschaftler Vallespín: "Er hat erkannt: In diesen populistischen Zeiten ist die gute Performance alles." Technokraten der Macht hätten keine Chance mehr.