Ruhig war es geworden um die SPD. Vor dem jüngsten Zwischenfall, der als "Sozialismus-Affäre" in die Parteigeschichte eingehen dürfte, wirkten viele Genossen fast entspannt: Die SPD lag in den Sonntagsfragen bei 17 Prozent, die Spindoktoren der Partei deuteten das als leichten Aufwind.

Und so erschien ein Szenario immer unwahrscheinlicher: Dass es nach einem mageren Ergebnis bei der Europawahl Ende Mai bei der SPD einen großen Knall geben, die glücklose Parteiführung um Andrea Nahles und Olaf Scholz ausgewechselt und das Ende der großen Koalition ausgerufen werden könnte.

Denn die SPD hat sich längst an ihre schwierige Lage gewöhnt. Noch jede Misere fühlt sich irgendwann an wie Alltag. Bei der Europawahl könnten die Sozialdemokraten wieder schlechter abschneiden als die Grünen? Eingepreist. War bei den Wahlen in Hessen und Bayern im Herbst auch nicht anders.

Und wenn, wie ebenfalls erwartet, bei der Wahl im Bremen am gleichen Tag die langjährige Regierungspartei SPD abstürzt? Hauptsache, der eigene Ministerpräsident kann weitermachen – notfalls mit Linken als Mehrheitsbeschaffer und den prozentual so starken Grünen.

Unterschätzt zu werden kann helfen

Auf konkrete Prozentzahlen, die die SPD bei so einer Wahl mindestens erreichen muss, um ihr Gesicht zu wahren, legt sich in der Parteiführung schon länger keiner mehr fest. Hauptsache, die AfD wird auf Abstand gehalten. Gut, mehr als 15 Prozent wären schon schön. Aber keiner spricht mehr von den Zeiten, als die Sozialdemokraten bei der letzten Europawahl noch 27 Prozent holten.

Auch die Wähler haben sich an die schwache SPD schon so gewöhnt, dass sie keine große Nachricht mehr ist. Viel spannender ist die Lage bei der Union und den Grünen, die bei den Wahlen in zwei Wochen viel zu gewinnen, aber auch viel zu verlieren haben.

Die SPD-Führung hätte diese Situation nutzen können, um abseits des Scheinwerferlichts zu überlegen, wie es weitergeht. Wenn Grüne und Union sich in ein paar Monaten an ihren inhaltlichen und personellen Auseinandersetzungen zerrieben haben, dann würden sich die Genossen zurückkämpfen. Unterschätzt zu werden kann helfen. So weit die Theorie.

Bitte keinen Sozialismus

Auch Europa-Spitzenkandidatin Katarina Barley passt in diese Denke. Den lauten Auftritt schätzt sie nicht, ihr Wahlkampf baut darauf, dass viele sie irgendwie sympathisch finden. Was genau sie will, wofür sie steht, ist weniger klar. "Mehr Soziales", ja, aber bitte keinen Sozialismus.

Womit die Theorie am Ende wäre: In der Praxis schafft es die Partei immer wieder, sich selbst Felsbrocken in den Weg zu legen: Statt still die kommenden Wahlen abzuwarten, hat sich die SPD in der Sozialismus-Diskussion bereitwillig auf die Mitte der Bühne zerren lassen und dort einen peinlich-unsicheren Auftritt hingelegt.

Juso-Chef Kevin Kühnert liebäugelt mit dem Systemumbau hin zu einem "demokratischen Sozialismus"? Eigentlich ist es doch ganz einfach: Die SPD hätte dem Chef ihrer Jugendorganisation inhaltlich widersprechen und das Thema auf die Wurzel "Ungleichheit" lenken können, um dann offensiv Wahlkampf für die letzten linken SPD-Ideen (Mietpreisbremse, "Respekt"-Rente) zu machen.

Stattdessen führte die SPD das Theaterstück "nervöse Partei in unterirdischer Stimmung" auf, und alle Rollen waren wunderbar besetzt: Der heißblütige Juso-Vorsitzende provoziert, die SPD-Parteichefin weigert sich, dazu Journalistenfragen zu beantworten und wirkt dabei so unsouverän, wie der SPD-Wirtschaftsvertreter, der argwöhnt, was der Junge eigentlich geraucht habe. Dann taucht noch ein Betriebsratschef auf, der sagt, kein Arbeiter dürfe je wieder die SPD wählen. Und dann meldet sich aus dem Off noch der geschasste Ex-Parteichef zu Wort und attestiert dem Nachwuchs die "Methode Trump". Und das, wo auch er dem Populismus nie abgeneigt war.

An solch eine Misere will sich das Publikum aber nicht gewöhnen, das ist nur noch peinlich. Die SPD erinnert an einen Fernsehstar in Formkrise. Mit einem Imagewechsel und modernem Umstyling könnte es vielleicht noch mal etwas werden. Menschen können sich durchaus für Comeback-Geschichten begeistern und für Underdogs sowieso. Wirkt der Fernsehstar allerdings zunehmend abgehalftert und geht dann noch in den TV-Promi-Container, wo er Aufmerksamkeit nur bekommt, weil er peinlich ist, wird es gefährlich. Allzu bequem sollte man es sich im Elend dann auch nicht machen. Sonst steht man nicht mehr auf.