Die Union unter 30 Prozent, die SPD unter 16: Nach zehn Jahren gemeinsamen Regierens haben sich die Partner einer einst großen Koalition nicht nur gegenseitig erschöpft, sondern auch den Wähler. Er will sie nicht mehr. Wäre die Europa- eine Bundestagswahl, hätte das Bündnis der (einstigen) Volksparteien keine Mehrheit mehr. Was sollen die Menschen auch noch erwarten von einer Regierung, die selbst weiß, dass sie ihrem Ende entgegentaumelt, aber weder die Kraft noch den Mut dazu besitzt, dieses Ende wenigstens selbstbestimmt herbeizuführen? Diese große Koalition ist zu schwach, um mit einem lauten Knall zu enden. Es wird ein leises Wimmern sein. Was aber längst nicht heißt, dass sie bis zum Ende der Legislaturperiode halten muss. Das Gegenteil ist wahrscheinlicher.

Am labilsten ist die Lage, wieder einmal, bei der SPD. Das notorische Leiden der deutschen Sozialdemokratie an den Zuständen hat seit geraumer Zeit bereits seine Richtung geändert. Litten die Genossen mit Eintritt in die große Koalition an der großen Koalition, so leiden sie seit der Posse um den Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen – er wurde unter Zustimmung von Andrea Nahles für Versagen im Amt mit einer Beförderung bestraft – an ihrer Vorsitzenden. Diverse karnevaleske Auftritte von Nahles haben den Verdacht aufkommen lassen, Nahles lebe ganzjährig in närrischer Zeit. Das hat das Leiden der Genossen so sehr verstärkt, dass die SPD sich seit Monaten schon wieder mit dem beschäftigt, womit sie sich in den vergangenen Jahren zu oft und zu intensiv beschäftigt hat: mit der systematischen Demontage ihres Spitzenpersonals. Nicht mehr "raus aus der großen Koalition", sondern "weg mit Nahles", dröhnte es daher zuletzt aus Teilen der SPD – und am lautesten aus der Bundestagsfraktion.

Diverse Gerüchte machten bereits vor der Wahl die Runde. Mal war es der Vorsitzende der einflussreichen Landesgruppe aus Nordrhein-Westfalen, Achim Post, mal der gescheiterte Kanzlerkandidat und Ex-Parteichef Martin Schulz und mal sogar Generalsekretär Lars Klingbeil, der sich als Nahles-Nachfolger in Position gebracht haben soll. Die Ambitionen potenzieller Nahles-Nachfolger werden nun beflügelt: Die SPD hat am Sonntagabend nicht nur das historisch schlechteste Ergebnis bei einer bundesweiten Wahl überhaupt eingefahren – sie ist nun, das schmerzt besonders, nur noch die drittstärkste Kraft im Land. Rot-Rot-Grün ist von nun an nur noch als Grün-Rot-Rot denkbar. Zu allem Übel droht die SPD nun auch noch ihre letzte Trutzburg zu verlieren: In Bremen haben die Sozialdemokraten 73 Jahre lang ununterbrochen die Geschicke der Stadt bestimmt. Damit könnte es bald vorbei sein.

Für Nahles wird es nun eng. Ihr hilft ein wenig, dass das Zentrum ihrer Kritiker, die Bundestagsfraktion, erst in einer Woche wieder zusammentritt. Bis dahin könnten die miesen Wahlergebnisse ein bisschen weniger schmerzen. Eins ist aber klar: Wird sie zum Rücktritt als Fraktionsvorsitzende gedrängt, wird sie sich auch als Parteivorsitzende nicht halten. Nahlesdämmerung.

AKKs Salto rückwärts hat nicht geholfen

Kommen wir zur zweiten Frau, für die das Wahlergebnis nicht schön ist: Annegret Kramp-Karrenbauer. Kaum als CDU-Chefin im Amt, hat sie einen bemerkenswerten gesellschaftspolitischen Salto rückwärts hingelegt. Dieser wurde zwar in weiten Teilen der Partei heftig beklatscht, kommt aber beim Wahlvolk, wie man seit diesem Sonntag weiß, nicht gut an. Den ersten Aufschlag als Parteichefin mit rund acht Punkten Verlust heftig versemmelt – das verstärkt den Eindruck, den man bereits seit Wochen gewinnen konnte: Mit jedem Tag, an dem die designierte Kanzlerin Kramp-Karrenbauer nicht Kanzlerin wird, wird sie schwächer. Nicht nur eine Regierung, die zu lange im Amt ist, erschöpft den Wähler – eine Regierungschefin, die zu lange gar nicht ins Amt kommt, tut das auch. Sorgt bei der SPD das Leiden an ihrem Personal für eine Erosion der Koalition, so ist es bei der Union das Warten der Nachfolgerin. Wer zu lange wartet, wird es nie.

Die dritte Beschädigte dieser Wahl ist die Kanzlerin. Von Schicksalswahl war die Rede, von der wichtigsten Europawahl aller Zeiten. Nicht um so etwas Banales wie Sieg oder Niederlage ginge es dieses Mal, sondern um etwas Erhabenes: den Kampf gegen die Zerstörer, die Zukunft Europas und seiner Menschen. Und was macht die deutsche Kanzlerin? Nimmt an diesem Kampf gar nicht teil. Da fragt sich der Wähler im Allgemeinen und der der Union im Besonderen: Wie schicksalhaft ist diese Schicksalswahl für Europa eigentlich, wenn die mächtigste und einflussreichste Politikerin des Kontinents sie von außen betrachtet? Kein Wunder also, wenn Zweifel aufkommen an Merkels Bekundung, sie wolle bis zum Herbst 2021, bis zur nächsten Bundestagswahl, Kanzlerin bleiben. Vielleicht will sie ja doch das, was Nahles partout nicht will: raus aus ihrem Amt.

Eine SPD-Chefin, die womöglich keine Zukunft mehr hat, eine CDU-Vorsitzende, der die Zukunft gerade entgleitet, und eine Kanzlerin, die gar keine Zukunft mehr haben will – diese Frauen entscheiden nun, wie es weitergeht mit der großen Koalition. Schwach, wie sie alle sind, müssen sie Stärke simulieren, damit das Bündnis nicht bricht. Und genau hier lauert de größte Gefahr für die Koalition. Die SPD wird ihre Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung durchsetzen müssen und die Union die vollkommene Abschaffung des Solis, damit die Simulation der Stärke bei ihrer Klientel verfängt. Doch was der eine Partner unbedingt will, möchte der andere auf gar keinen Fall. Im verzweifelten Versuch, Stärke zu zeigen, dürfte die ganze Schwäche der Koalition in den nächsten Monaten sichtbar werden. Und dann wird sie so scheitern, wie sie begann: mit einem Wimmern.