Überwältigung: Wenn es ein Wort gibt, das die Stimmung bei der Wahlparty der Grünen in Berlin trifft, dann ist es vielleicht das. Man sieht sie im Gesicht des deutschen Spitzenkandidaten für Europa, Sven Giegold, als er am Sonntagabend auf der Bühne steht und von der Feiergemeinde beklatscht wird. Man hört sie aber auch den normalen Parteimitgliedern an, die im vollgestopften Foyer der parteinahen Heinrich-Böll-Stiftung stehen. Erst mal ausatmen. "Puh, das ist Wahnsinn!" Häufig fällt dieser Satz an diesem Abend.

Tatsächlich dürften die kühnsten Erwartungen der Grünen übertroffen worden sein: mehr als 20 Prozent. "Das ist das beste Ergebnis, das wir je bei irgendeiner überregionalen Wahl erzielt haben", sagt Giegold später in die Kameras. Fast verdoppelt im Vergleich zur Europawahl 2014, zehn Prozent über dem besten Bundestagswahlergebnis: Keine Frage, die Grünen sind die Sieger des Abends.

Was die Sache für die Partei besonders erfreulich macht: Hier verstetigt sich ein positiver Trend, der seit einem halben Jahr anhält. Im September vergangenen Jahres erzielten sie in Bayern (17,5 Prozent) und Hessen (19,8 Prozent) ähnliche Ergebnisse. Zwar hatten die Grünen auch in der Vergangenheit – etwa 2011, nach dem Atomunglück von Fukushima – schon solche guten Werte in den Umfragen. Doch diesmal gewinnen sie eben nicht nur in den Prognosen, sondern auch Wahlen. Das ist der Unterschied.

Lieber Bündnis- als Volkspartei

Werden die Grünen gerade zur neuen Volkspartei? Sie selbst lehnen diesen Begriff ab, zu altbacken. Die Grünen bezeichnen sich lieber als Bündnispartei, als eine Kraft also, die vielleicht nicht alle Schichten der Bevölkerung repräsentiert, aber in viele Richtungen anschlussfähig ist. Doch angesichts dessen, was von den alten Volksparteien übrig geblieben ist – CDU bei der Europawahl 28 Prozent, SPD 15,5 Prozent –, spielen die Grünen zumindest größenmäßig längst in dieser Riege mit. Derzeit sind sie die zweitstärkste politische Gruppe in Deutschland.

Manches spricht dafür, dass sich das nicht so schnell wieder ändert. Zwar sind die Grünen an Parteimitgliedern gemessen im Vergleich mit Union und SPD ein Winzling. 80.000 Mitglieder gegen jeweils über 400.000. Andererseits sind 80.000 für die Grünen eben ein neuer Rekord. Und die Partei wächst selbst in Regionen, in denen sie es traditionell schwer hat, zum Beispiel in Ostdeutschland. Die Grünen haben außerdem vor allem bei den Menschen Erfolg, die die ehemals etablierten Parteien Union und SPD nicht mehr erreichen, bei den Jungen: Von den 18- bis 24-Jährigen bekamen die Grünen bei dieser Europawahl 34 Prozent der Stimmen.