Andrea Nahles' sechs Stellvertreterinnen und Stellvertreter haben die SPD-Vorsitzende öffentlich unterstützt. In einem gemeinsamen Appell fordern sie Solidarität mit der Parteichefin, berichtete die Süddeutsche Zeitung. "Die massive öffentliche Kritik an Andrea Nahles ist unfair", heißt es in einer Stellungnahme von Olaf Scholz, Malu Dreyer, Manuela Schwesig, Natascha Kohnen, Thorsten Schäfer-Gümbel und Ralf Stegner. Ein solidarischer Umgang sei angebracht, denn Nahles habe "in einer sehr schweren Phase" den Vorsitz der Partei übernommen.

Nach den schlechten Wahlergebnissen müsse die SPD "in der Sache offen und kritisch, aber respektvoll darüber sprechen, was wir gemeinsam ändern müssen, um einen Weg aus der Krise zu finden", heißt es in dem Appell. Das Debakel bei der Europawahl und der Verlust der Führungsrolle bei der Wahl in Bremen haben die SPD in eine schwere Krise gestürzt. SPD-Vizechef Olaf Scholz verteidigte die Fraktionschefin auch in einem Gespräch mit dem Tagesspiegel. "Andrea Nahles setzt in einer sehr schwierigen Situation für die SPD viel im Interesse der Bürgerinnen und Bürger durch", sagte Scholz der Zeitung. "Das wird zurecht breit respektiert – und verdient Unterstützung."

In einer Forsa-Umfrage zur Bundestagswahl ist die SPD um fünf Punkte auf nur noch 12 Prozent der Stimmen abgestürzt – ein historisches Tief. Damit liegt sie nur noch einen Punkt vor der AfD mit 11 Prozent (minus 2). Dahinter folgen die FDP mit 8 (unverändert) und die Linke mit 7 Prozent (minus 1). Die Grünen landeten mit 27 Prozent (plus 9) vor der CDU/CSU, die 26 Prozent erhielt (minus 2).

"Reihen schließen, Personaldebatte beenden"

Die SPD führt eine Debatte über die Zukunft von Partei- und Fraktionschefin Andrea Nahles. Am Dienstag könnte es zur Entscheidung kommen, wenn sich Nahles in der Bundestagsfraktion vorzeitig zur Wiederwahl stellen möchte. Bisher gibt es keinen Gegenkandidaten. Sollte Nahles scheitern, könnte sie auch als Parteichefin stürzen. Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse warnte vor diesem Schritt: "Nachdem die SPD (...) mit Andrea Nahles zum ersten Mal eine Frau an ihre Spitze gewählt hat – welches Zeichen ist es, wenn diese Frau nach einem Jahr wieder gestürzt wird?"

Der frühere SPD-Chef Martin Schulz, der zwischenzeitlich als möglicher Herausforderer der Fraktionschefin galt, führte unterdessen persönliche Gründe für seinen Verzicht auf eine Kandidatur an. Diese wolle er nicht näher ausführen, sagte er der Welt am Sonntag. Eine spätere Kandidatur schließt er aber offenbar nicht aus. Er habe der Fraktion mitgeteilt, dass er sie "selbstverständlich informieren würde, sollte ich gegen sie antreten wollen".

Malu Dreyer, die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, rief dazu auf, "die Reihen zu schließen", die Personaldebatte zu beenden und Zusammenhalt zu demonstrieren: "Für mich ist es eine Frage der Fairness und der Solidarität, dass wir Andrea Nahles nicht allein für die schwierige Lage der Partei verantwortlich machen." Die SPD habe gemeinsam gekämpft und müsse jetzt gemeinsam Vertrauen zurückgewinnen. "Auch wenn ich die Verzweiflung derer verstehen kann, die nach einem harten Wahlkampf mit dem Ergebnis hadern, aber wir müssen uns auf unsere Stärke besinnen", sagte Dreyer.

Parteitag schon im September?

Uneinigkeit herrscht über den Zeitpunkt des nächsten Parteitags der SPD. Der bayerische Landesverband forderte, ihn nicht erst im Dezember abzuhalten. "Wir sollten den Bundesparteitag auf September vorziehen und dort über unseren Weg in die Zukunft, die Koalition und die Führung der Partei entscheiden", sagte die Landesvorsitzende Natascha Kohnen. "Das Ergebnis der Europawahl offenbart, dass die große Koalition keine Mehrheit mehr hat. In ihm kommt eine große Ablehnung der aktuellen Regierungspolitik zum Ausdruck. "

Im ZDF lehnte der Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs, der Sprecher des rechten Parteiflügels Seeheimer Kreis, den Vorstoß aus Bayern ab: "Ich glaube, dass wir uns alle vereinbart haben, dass der Bundesparteitag im Dezember stattfindet." Dann liege die Halbzeitbilanz der großen Koalition vor. "Dann werden wir sehen, was für Inhalte umgesetzt sind. Und in der Zwischenzeit braucht man keine Debatten."