In Chemnitz wurden am Freitag acht Neonazis der Gruppe Revolution Chemnitz von der Bundesanwaltschaft angeklagt, weil sie tödliche Anschläge begehen wollten, um einen politischen Umsturz zu erzwingen. Und am selben Tag, ebenfalls in Chemnitz, veröffentlichte der Kraftklub-Sänger Felix Kummer 9010, ein grandioser, melancholischer Song für all jene, die mit den Schlägernazis der Neunziger aufwachsen mussten.

So bipolar ist Chemnitz. Dass die sächsische CDU sich für ihren Parteitag am Samstag an genau diesen Ort begab, passt zu dem von Ministerpräsident Michael Kretschmer ausgerufenen Versuch, den Ruf der selbstherrlichen König-Kurt-Partei loszuwerden und das komplexe Sachsen wieder von unten zu verstehen.

In wenigen Monaten wird in Sachsen eine der wichtigsten Wahlen der Nachwendezeit stattfinden. Die AfD hat reelle Chancen, stärkste Kraft zu werden. Und als wäre das nicht genug, hört man aus der CDU immer wieder von Sympathie für die Idee, nach der Wahl mit der AfD zusammenzuarbeiten, statt an einer Regenbogenkoalition aus CDU, SPD, FDP und Grünen zu verzweifeln.

Zwar betont Kretschmer bei jeder Gelegenheit, dass es mit ihm kein schwarz-blaues Bündnis geben werde. Doch verliert der Regierungschef seinen Wahlkreis in Görlitz gegen Sebastian Wippel (jenen AfD-Mann, der neulich fast Bürgermeister geworden wäre) und holt er ein schlechtes Ergebnis für die CDU insgesamt, ist es nicht mehr sicher, dass er die Partei weiter führen kann. Und was dann passiert, wissen nicht mal die Leute in der Parteizentrale im Konrad-Adenauer-Haus.

Kretschmer steckt vor diesen so wichtigen Wahlen also in einer unübersichtlichen Lage. Er muss um Rückhalt in einer Partei kämpfen, die in Sachsen vielleicht noch konservativer ist als die bayerische CSU. Und er muss den Eindruck verhindern, jede Stimme für die CDU bringe die AfD näher an die Regierung.

Ein Mann im Tunnelblick

Der Parteitag im Chemnitzer Kongresszentrum Kraftverkehr beginnt mit einer ökumenischen Morgenandacht, was programmatisch passt. Nur denken die beiden sächsischen Landesbischöfe Carsten Rentzing und Heinrich Timmerevers nicht daran, programmatisch zu passen. Sie nutzen ihre Redezeit für kleine Spitzen gegen die CDU. "Freut euch und seid dankbar", sagt der eine, "trotz aller Verzagtheiten und Probleme." An manchen, fügt er hinzu, hätten die Anwesenden mitgewirkt. Und angesichts der Stuhlanordnung, die das Publikum in einem Quadrat um die Bühne anordnet, spottet der andere: "Bei Leuten, die man hinter sich hat, weiß man nicht, ob sie einem den Rücken stärken oder in den Rücken fallen." Und mit einem Blick auf Kretschmer: "Ich bin sicher, der Ministerpräsident hat eine gute Antwort darauf."

Hat er eine? Kretschmer wirkt gedanklich schon ganz woanders. Er gehört zu den Politikern, denen man es ansieht, wenn sie sich in einer äußerst herausfordernden Situation wähnen. Schon bei seiner feierlichen Amtsübernahme 2017 konnte man förmlich die Bleigewichte auf seinen Schultern sehen. Auch heute schaut er wie Mats Hummels vor dem Pokalfinale: Die Ellenbogen auf dem Tisch, die Hände berühren sich senkrecht vor dem Gesicht. Als er dann anfangen darf mit seiner Rede, ist noch eine ganze Weile zu spüren, dass es für Kretschmer um viel geht.

Er läuft auf der Bühne hin und her wie ein Chef, dem alles zu langsam geht. Mit dem Finger klopft er insistierend auf einen weißen Holzbogen, der an diesen Tisch im heute-journal erinnert. Er wedelt mit der linken Faust, und er spricht mit einer Grimmigkeit, die dem Gegenstand manchmal gar nicht angemessen ist, etwa wenn etwas "eine tolle Sache" ist oder er etwas "für absolut richtig" hält.

Kretschmer hält vieles für absolut richtig, was die CDU so gemacht hat in der Landesregierung. Etwa die Kennzeichnungspflicht für Polizisten gegen den Koalitionspartner SPD verhindert zu haben. Oder die Ehrenamtspauschale, das Azubi-Ticket, die Landarztquote, den Religionsunterricht.