Es vergeht kaum ein Tag, an dem der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer nicht irgendwo bei einer Sprechstunde sitzt. Der Bürgerkontakt, das ist sein Markenzeichen. Sachsengespräch nennt er das. Dutzende Male war der CDU-Regierungschef mitsamt Kabinett dafür schon in Sachsen unterwegs.

So kam er auch Ende August 2018 nach Chemnitz. Etwa eine Woche nachdem der 35-jährige Daniel H. im Stadtzentrum erstochen worden war, nachdem es Proteste in der Stadt gegeben hatte, Neonazis durch die Stadt marschiert waren. Im Sommer 2018 war Chemnitz eine Stadt im Ausnahmezustand, die Bürgerschaft zerrissen und angespannt. Am Ende des Besuchs gestand Kretschmer: "Es war das schwierigste Sachsengespräch, das wir je hatten."

Im Chemnitzer Stadion drängelten sich damals Hunderte Bürger. Die Stimmung war aufgewühlt, in einigen Momenten kurz vor der Eskalation. Vor der Halle gab es Proteste. 1.200 Polizisten sicherten das Gelände ab. Drinnen rang Kretschmer, beobachtet von zig Kameras, mit den Bürgern: "Sind wir uns einig, dass der  Hitlergruß nicht okay ist?" Die Reaktionen damals: betretenes Schweigen, bockiges Gemurmel, hier und da zaghafter Applaus.

Was hat sich seither verändert in der Stadt? Um das zu erfahren, ist die Landespolitik am Mittwochabend zurückgekehrt in die Stadt. Michael Kretschmer hat einen Besuchstag in Chemnitz angesetzt, unter anderem für sein Talkformat, wieder mit seinen Ministern und der Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD). Das Ziel: Die Chemnitzer im Alltag befragen, nicht mitten in einem Sturm. Oder wie Barbara Ludwig es formuliert: "Zeigen, dass Chemnitz anders ist als diese einen Bilder: Karl-Marx-Kopf, Deutschlandfahnen, Hitlergruß und noch dreie, die das nackte Hinterteil zeigen."

Die Probleme in Chemnitz? Die Medien

Bei diesem Bürgerdialog hat vieles Normaltemperatur. Kaum Polizei ist vor dem Stadion zu sehen, es gibt keine Proteste, nur wenige Journalisten sind gekommen. Der Saal ist locker gefüllt. Und schnell ist klar: Für Michael Kretschmer wird das kein Kampf. Im Gegenteil, in seiner Gesprächsrunde hat er es mit vielen Fans zu tun. Michael Kretschmer sitzt auch als Wahlkämpfer hier, über dessen Kurs viel diskutiert wird. Heftig streiten muss er hier, unter Sachsen, die ihm meist wohlgesinnt sind, nicht. Er wird als Erstes zu seinem Russlandkurs beglückwünscht. Für seinen Besuch bei Wladimir Putin und seine Forderung, die Sanktionen gegen Russland abzubauen. "Schön, dass Sie da eine so klare Linie haben und standhaft bleiben", sagt ein Mann und bekommt lauten Applaus. Für viele im Raum ist Kretschmer mit seinem Vorstoß "ein mutiger Mann". Die Unterstützung genießt er sichtlich. "Jetzt bleiben wir bei unserer Linie", sagt er. "Das ist ja keine Einzelmeinung, das sehen ja sehr, sehr viele so." Er freue sich nun auf Putins Gegenbesuch.

Doch wie steht es um Chemnitz? Die Bürger berichten von Alltäglichem, von Problemen bei der Lehrerausbildung, mit dem öffentlichen Nahverkehr. Und immer wieder sind Sorgen zu hören, dass Chemnitz abschreckend wirke. Viele Unternehmen hätten Probleme, Mitarbeiter zu finden. Die Ursachenforschung verläuft allerdings unterschiedlich. Für eine Frau sind die Medien das Problem, die von der Stadt im vergangenen Jahr zu viele negative Bilder gezeigt hätten: "Das sind doch alles Lügen."