Ein Mann erzählt dagegen von Freunden mit Migrationshintergrund, die sich Sorgen machten, ob sie überhaupt willkommen seien in der Stadt. "Viele sind auf dem Absprung, wenn die AfD nach der Landtagswahl im Herbst noch stärker wird." Es ist Barbara Ludwig, die Chemnitzer Oberbürgermeisterin, die sich entschieden einschaltet, darauf verweist, dass Chemnitz eine Stadt mit schwieriger demografischer Entwicklung sei. Viele Tausend Menschen haben die Stadt in den vergangenen Jahren verlassen, das Durchschnittsalter ist hoch. "Wir müssen Wege finden, gut miteinander umzugehen. Wir brauchen eine Offenheit im Geist und im Herzen, ansonsten haben wir ein Riesenproblem, das wir allein nicht lösen können." Murmeln in den Reihen. "Totaler Käse", schimpft einer. "Die Migranten kommen doch dahin, wo die Sozialleistungen am besten sind, also auch zu uns", sagt ein anderer. Eine Frau entgegnet: "Aber nicht, wenn sie Angst um sich und ihre Kinder haben."

Bedenken von Migranten haben der Ministerpräsident und die Oberbürgermeisterin schon einige Stunden zuvor gehört, bei einem Treffen in den Chemnitzer Kunstsammlungen. In einer Runde saßen sie zusammen mit zwei Dutzend Akteuren aus der Stadt, von der Verkäuferin bis zum Sozialarbeiter. Viele optimistische Berichte waren da zu hören, von gelungener Integration, von guter Zusammenarbeit in Vereinen und Initiativen. Kretschmer strahlt bei solchen Beispielen: "Das ist gut. Wir müssen solche Geschichten erzählen, positive Bilder erzeugen." Die Sicherheit im Chemnitzer Zentrum, nach dem Messerangriff auf Daniel H. viel diskutiert, ist ebenfalls Thema. Die Mittel der Politik: Mehr Polizeistreifen schauen sich um, kriminalpräventive Räte wurden eingesetzt. Kretschmer: "Es darf nicht das Gefühl entstehen, wir nehmen Sorgen nicht ernst." In dieser Runde wird die Sicherheitslage nicht als dramatisch eingeschätzt. Sie habe keine Angst, durch die Stadt zu gehen, berichtet eine Frau, die in einem Einkaufszentrum in der Innenstadt arbeitet. "Wir haben keine Probleme. Das wird meiner Meinung nach ein bisschen hochgekocht."

Am Tisch sitzen auch zwei muslimische Frauen, die von Schwierigkeiten bei der Jobsuche berichten, trotz guter Ausbildung. Ein Problem sei, dass sie Kopftücher tragen und etliche Arbeitgeber das nicht akzeptieren. Kretschmer entgegnet, dass er von solchen Vorbehalten wisse, das fände er nicht gut, denn: "Ich finde das erstens attraktiv, und zweitens ist das Ihr Ding, ob Sie das machen oder nicht." Er hoffe, dass sich Lösungen finden "in persönlichen Gesprächen mit Unternehmern". Im diesem kleinen Kreis am Nachmittag ist Kretschmer häufig der Zuhörer. Wenig später, am Abend im Chemnitzer Stadion, geht er stärker in die Offensive, krempelt die Hemdsärmel hoch, präsentiert sich als Problemlöser: "Es gibt nichts, wofür wir nicht zuständig sind." Sein Fokus: Sicherheit, wirtschaftliche Entwicklung, die positiven Seiten von Chemnitz betonen. Chemnitz nur grau und braun? So etwas will er nicht hören. Negatives müssen andere thematisieren. Das Wort Rechtsextremismus spricht Kretschmer nicht von selbst aus. Er erwähnt auch nicht die Vorfälle im Stadion, in dem er gerade sitzt. Im Frühjahr wurde hier ein Transparent für den verstorbenen Thomas Haller entrollt, ein bekannter Neonazi, vernetzt mit dem Fußballclub und vielen Kreisen der Stadt. Wenig später lief ein Trauermarsch durch das Zentrum, darunter viele Neonazis.

Anständige Menschen seien gefragt

Irgendwann wird Kretschmer von einem jungen Mann gefragt: Was denn getan werde gegen die Nazis? Was sich geändert habe? Der Ministerpräsident holt aus, schweift ab, beschwert sich über "bösartige Unterstellungen im Internet", ärgert sich über einen "Sturm der Entrüstung" nach Äußerungen von Joachim Gauck. Und erwähnt wieder die Aufrüstung der Polizei. Es dauert, bis er klare Ansagen macht. Zum Chemnitzer FC sagt er: "Da ist die Frage: Wollen wir alle in kollektive Mithaftung nehmen oder stärken wir denen, die vernünftig sind, den Rücken?" Ein Mann im Publikum murrt: "Ich komme viel in Chemnitz rum, aber eine Steigerung des Rechtsextremismus kann ich nicht feststellen." Doch, doch, entgegnet Kretschmer. Er wird nun lauter: "Der Rechtsextremismus nimmt zu. Die anständigen Menschen sind gefragt, dagegen vorzugehen." Eine Aktion der Zivilgesellschaft steht an. Viel Aufmerksamkeit wird die Stadt voraussichtlich am 4. Juli bekommen. Dann findet hier Kosmos Chemnitz, das Nachfolgekonzert von Wir sind mehr statt, ein Anti-rechts-Statement, vorigen Sommer von Zehntausenden besucht. Auch dieses Mal haben sich zig Künstler angemeldet, darunter Herbert Grönemeyer und Tocotronic. Nun verteilt sich das Geschehen noch breiter in der Stadt, auf über 40 Spielflächen, an denen alles Mögliche unternommen wird, Diskussionen, Ausstellungen, Lesungen.

Beim Sachsengespräch spielt das Event keine Rolle. Oberbürgermeisterin Ludwig freut sich am Ende des Abends, dass es bei den Gesprächen vor allem um Alltagsbetrachtungen gegangen sei, um das "ganz normale Leben". Ihr Fazit: "Man konnte sehen, dass die Chemnitzer nach vorn schauen und nicht immer nur zurück."