Angela Merkel hat stets gesagt, sie werde kein anderes Amt mehr übernehmen, wenn sie einmal das Kanzleramt verlässt. Nicht in Berlin und auch nicht in Brüssel. Nimmt man die Kanzlerin beim Wort, kann man sich die folgenden Gedanken sparen. Aber zum einen kommt es vor, dass Kanzlerinnen ihre Meinung ändern. Zum anderen gibt es eine Konstellation, die so überzeugend ist, dass auch Merkel sich ihr nicht verschließen sollte.

Die Europäische Union sucht einen neuen Kommissionspräsidenten – und Angela Merkel wäre die ideale Kandidatin. Das Amt ist wie gemacht für sie, und umgekehrt: Merkel vereint alle Qualitäten, die dieses Amt erfordert. Vor allem aber würde ihr Wechsel ungeahnte Möglichkeiten eröffnen, in Berlin genauso wie in Brüssel.

Die Europäische Union mit ihren mehr als 500 Millionen Bürgerinnen und Bürgern ist eine globale Macht, die sich stets große Mühe gibt, diese Macht zu verstecken. An ihre Spitze hat sie deshalb meistens möglichst unauffällige Figuren gestellt, belgische Regierungschefs oder portugiesische Ministerpräsidenten, die emsig hinter den Kulissen wirkten, die aber jenseits von Brüssel kaum wahrgenommen wurden. Geschäfte machen und niemandem auf die Füße treten – das war der unausgesprochene Imperativ, mit dem die EU in der Welt auftrat. Das ist nun endgültig vorbei. Will Europa zwischen den USA und China bestehen, in einer Welt der großen, oft autoritären Egos, muss es seine eigenen Stärken herausstellen und sie dort, wo sie noch nicht besonders ausgeprägt sind, entwickeln. Das gilt vor allem für die Außen- und Sicherheitspolitik.

Die Zeit des Versteckens ist vorüber, die EU muss kenntlicher werden – erst recht an ihrer Spitze. Und wer könnte Europa besser verkörpern als die weltweit bekannteste Europäerin, Angela Merkel?

Etwas anderes kommt hinzu. Merkel ist die mit Abstand erfahrenste europäische Politikerin. Seit 15 Jahren verhandelt sie in Brüssel. Sie kann mit großen Egos gut jonglieren und besitzt zugleich eine etwas spleenige Detailversessenheit, beides passt gut zum Jobprofil des Kommissionspräsidenten. Dem griechischen Ministerpräsidenten hat Merkel auf dem Höhepunkt der Eurokrise einmal dargelegt, wie viele Tankstellen es in seinem Land gibt. Das hat ihn überrascht und wird ihm nicht gefallen haben, genauso wenig wie die Sparprogramme, die die deutsche Kanzlerin seinem Land diktiert hat. Aber Merkels Gespür für Macht und der Wille zum Detail haben ihr innerhalb der EU enormen Respekt verschafft. Trotz manchen Streits (etwa in der Flüchtlingspolitik) verfügt sie bis heute im Kreise der Staats- und Regierungschefs persönlich über hohes Ansehen.