Stephan E. hat gestanden. Er habe Walter Lübcke am 2. Juni erschossen, den Regierungspräsidenten von Nordhessen. Die Tat habe er allein geplant und allein ausgeführt. So hat es E. den Ermittlern am späten Dienstagnachmittag gesagt. Die aber bleiben skeptisch. Der Generalbundesanwalt ermittelt nach wie vor, ob E. Mittäter hatte. Die Einzeltäterthese sei nicht sein Ansatz, sagte Generalbundesanwalt Peter Frank am Mittwoch im Innenausschuss des Bundestages. Auch, welche Kontakte E. in die rechtsextreme Szene pflegte und was ihn vielleicht mit den Mördern des NSU verbindet, will Frank wissen. Für die Ermittler bleibt das Geständnis vorerst nur ein Baustein, von dem sich erst noch erweisen muss, wie viel Wahrheit es enthält.

Der Fall Lübcke ist also längst noch nicht aufgeklärt. "Das ist mitnichten das Ende der Ermittlungen", sagte Thomas Beck von der Generalbundesanwaltschaft im Innenausschuss des hessischen Landtages. "Die Arbeit fängt jetzt erst richtig an." Inzwischen forschen fünf Staatsanwälte der Bundesanwaltschaft nach Antworten, dazu die auf 80 Beamte aufgestockte Sonderkommission Liemecke des hessischen Landeskriminalamts.

Ihnen fehlen noch wichtige Details, die Tatwaffe beispielsweise. Bislang haben die Ermittler lediglich eine Patronenhülse, die am Tatort gefunden wurde. Dazu viele Asservate, die in der Wohnung von Stephan E. sichergestellt werden konnten. Mehr zu den bisherigen Spuren wollte Frank am Mittwoch im Innenausschuss des Bundestags nicht sagen, aus taktischen Gründen.

Die Ermittler suchen auch nach Beweisen dafür, warum E. die Tat beging, nach einem Motiv, einem "tatauslösenden Moment", einer Verbindung zwischen Täter und Opfer. So erläuterte es Beck vor dem Innenausschuss in Wiesbaden. Noch immer stehe außerdem die Frage im Raum, ob der Beschuldigte "Mitglied einer rechtsterroristischen Vereinigung" war. "Vorfestlegung gibt es nicht."

E. ist in Rechtsextremismusdatei des BKA gelistet

Sicher ist: Stephan E. hat eine lange rechtsextreme Karriere. "Ich stehe in guten wie in schlechten Zeiten zum Kameraden E. !!! Und in meinen Augen ist er einer der besten Kameraden gewesen", so stand es nach E.s Festnahme auf der Facebook-Seite von Mike S. aus Kassel. S. ist bis heute Teil der rechtsextremen Szene in Kassel. Mittlerweile hat er den Eintrag gelöscht. Die Vergangenheit, die E. mit S. und weiteren Rechtsextremisten verbindet, ist es nicht.

Fotos aus dem Jahr 2002 zeigen E. und S. zum Beispiel zusammen mit Stanley R., der bis heute ein führender Kopf der hessischen Neonazi-Szene und ein Kader der gewaltbereiten Gruppe Combat 18 ist. Und auch Stephan E. war wohl mehr als eine Randfigur. Noch 2009 wurde er in einem geheimen Vermerk des hessischen Verfassungsschutzes offenbar als gefährlich eingestuft. Auch in der sogenannten Rechtsextremismusdatei, die das Bundeskriminalamt führt und auf die Polizei und Nachrichtendienste gemeinsam Zugriff haben, war E. 2009 aufgelistet.

Schon als 20-Jähriger hatte er 1993 ein Asylbewerberheim mit einer Rohrbombe angegriffen und im Jahr davor einen Ausländer mit einem Messer lebensgefährlich verletzt. Die Ermittler prüfen nun seine Verbindungen zu Gruppierungen wie Sturm 18, Oidoxie-Streetfighting-Crew, Autonome Nationalisten – und eben Combat 18.

Combat 18 begreift sich selbst als militanten Arm der im Jahr 2000 verbotenen Bewegung Blood & Honour und ist mit dieser aufs Engste verbunden. Im Frühjahr gab die Bundesregierung über deren Anhänger die Einschätzung ab, dass "zumindest eine abstrakte Gefährdung anzunehmen ist".

Stanley R. etwa, der zusammen mit Stephan E. gesehen wurde, soll bis heute eine Führungsrolle im Combat-18-Netzwerk innehaben. Und als Stephan E. Anfang 2004 an einem Neonazi-Aufmarsch im hessischen Gladenbach teilnahm, wurden zusammen mit ihm mehrere Anhänger von Blood & Honour polizeilich überprüft.

Fall Walter Lübcke - "Die Aufklärung ist nicht abgeschlossen" Stephan E. hat den Mord an Walter Lübcke gestanden und will dabei allein gehandelt haben. Innenminister Horst Seehofer verspricht Aufklärung über mögliche Mittäter. © Foto: Monika Skolimowska/dpa

"Direkte Aktionen von Gewalt und/oder Sabotage"

Historisch liegen die Wurzeln von Combat 18 in der Neonazi-Szene Englands. Das Combat-18-Netzwerk ist eine schwer zu fassende, aber unzweifelhaft brisante Struktur. Es erfüllt scheinbar widersprüchliche Zwecke zur gleichen Zeit. Als Label und politische Idee steht Combat 18 innerhalb der Szene für demonstrative Militanz. Als Quasi-Verein trieb Combat 18 aber auch jahrelang Mitgliedsbeiträge ein und reglementierte in internen Richtlinien "Bruderpflichten", eine Kleiderordnung und "absolute Verschwiegenheit" gegenüber Außenstehenden.

In einem vertraulichen Bericht des Bundesinnenministeriums aus dem Jahr 2018, der ZEIT ONLINE vorliegt, heißt es zwar, dass die Verfassungsschutzbehörden "keine Erkenntnisse über einen rechtsterroristischen Hintergrund bei Combat 18" in Deutschland haben. Stattdessen wird Combat 18 als "neonazistische, rassistische und gewaltbereite Gruppierung" beschrieben, deren Mitglieder sich auf "interne Treffen und den Besuch von Musikveranstaltungen" beschränkten. Einige Kenner der Szene halten diese Einschätzung aber für naiv.