Polizeioberkommissar Wippel will ins Rathaus – Seite 1

An einem Nachmittag Anfang Juni ist Alice Weidel dorthin gekommen, wo der für ihre Partei, die AfD, derzeit wichtigste Wahlkampf läuft: In die sächsische 56.000-Einwohner-Stadt Görlitz. Am Stand der Partei in der Fußgängerzone wird die Berliner Fraktionsvorsitzende sofort von Anhängern umringt. Ein Paar erzählt: "Wir sind nach Görlitz gezogen, weil es uns im Westen zu bunt wurde. Hoffentlich wird's hier nicht auch so." Ein Mann will wissen, wie die AfD sich auf Bundesebene entwickelt. "Es dauert, weil der Westen so lahm ist", erklärt Weidel. "Wir haben nun mal diese Diskrepanz, die daraus erwächst, dass die Menschen im Osten anders geprägt sind als im Westen." Ein älteres Paar will Weidel die Hände schütteln. Die beiden Ur-Görlitzer erklären fröhlich: "Wir haben schon gewippelt." Weidel strahlt zurück.

"Wippeln", das heißt: Sebastian Wippel wählen. Der steht an diesem Nachmittag neben Weidel in der Fußgängerzone und könnte an diesem Sonntag der erste AfD-Oberbürgermeister in Deutschland werden.

AfD gegen CDU

Den ersten Wahlgang Ende Mai hat mit 36,4 Prozent der AfD-Kandidat Sebastian Wippel für sich entschieden. Deutlich, aber noch nicht als eindeutiger Gewinner. Auf den zweiten Platz kam der CDU-Politiker Octavian Ursu mit 30,3 Prozent, auf Platz drei Franziska Schubert von den Grünen mit 27,9 Prozent. Seither lastet noch mehr Spannung auf der Stadt, die sich an diesem Sonntag im zweiten Wahlgang entscheiden muss. Nachdem die Grünen-Kandidatin zurückgezogen hat, heißt das Duell: AfD gegen CDU.

Görlitz ist so zu einem Präzedenzfall geworden. Ausgerechnet diese Stadt, über die es so viele Erzählungen gibt.

Etliche Erfolgsgeschichten sind darunter, die der östlichsten Stadt Sachsens einen Anstrich von Weltgewandtheit geben. Görlitz ist "Europastadt", direkt an der Grenze zu Polen. Mit den Nachbarn ist man nicht nur durch eine Brücke verbunden. Es gibt das Label "Görliwood", denn die sagenhaften Altstadtgassen wurden schon oft für Dreharbeiten benutzt. Besuch aus Hollywood ist man hier gewohnt. Noch eine Klientel hat "die Perle an der Neiße" entdeckt und Görlitz den Zusatz "Rentnerparadies" verpasst. Joachim Trauboth, Ende 60, gehört dazu.

140 Quadratmeter, 800 Euro kalt

Er ist einer von vielen Pensionären aus Westdeutschland, die sich im tiefsten Osten niedergelassen haben. Der Westfale, früher Marketingunternehmer, schwärmt von erstklassigen Lebensbedingungen, von seiner Wohnung in einer der schönsten Straßen, 140 Quadratmeter, Jugendstil, herrlicher Stuck, das alles für nur 800 Euro Kaltmiete. "Man kann hier viel günstiger leben als in München oder Köln", sagt er. Doch nicht nur darum sei es ihm beim Umzug gegangen. Trauboth engagiert sich für Willkommensbündnisse und die örtliche SPD. "Es gibt viele Möglichkeiten, sich in Görlitz einzubringen." Der Rentner könnte zufrieden sein mit seinem Leben. Doch die Politik macht ihm Sorgen. Nicht ausgeschlossen, dass er irgendwann wieder seine Koffer packt und wegzieht. "An einem Ort, der nach rechts driftet, möchte ich jedenfalls nicht leben."

Am Nachmittag, als Alice Weidel mit Sebastian Wippel im Stadtzentrum wirbt, beobachtet Joachim Trauboth die AfD mit einigem Abstand. Seine Favoritin im ersten Wahlgang war die Kandidatin der Grünen, nun wird er sich "zähneknirschend" für den CDU-Mann entscheiden. "Das kleinere Übel, um die AfD zu verhindern."

In den Restaurants sitzen vor allem Touristen

Vieles, was sich gerade in der Grenzstadt abspielt, kann man als Vorspiel für die große Politik verstehen. Für den Freistaat sowieso, zweieinhalb Monate vor einer entscheidenden Landtagswahl. Bei der Europawahl ist die AfD in Sachsen eben erst stärkste Kraft geworden. Wie verhalten sich alle anderen politischen Lager, wenn die AfD, in Sachsen eine rechte Partei mit teils extremen Positionen, an die Spitze kommt? Welche Bündnisse werden geschmiedet – oder ausgeschlossen? Und: Was treibt die Wähler zu den einzelnen Kandidaten?

Rentner Trauboth sagt über die AfD-Wähler in seiner Wahlheimat: "Diese Menschen versprechen sich von der AfD Problemlösungen für teils desolate Lebensumstände." In der 56.000-Einwohner-Stadt gibt es trotz prächtiger Fassaden geringe Einkommen, eine niedrige Kaufkraft. In den vielen schicken Restaurants der Stadt sitzen vor allem Touristen. Etliche wichtige mittelständische Unternehmen haben immer wieder wirtschaftliche Probleme, Anfang 2018 verhinderten nur heftige Proteste die Schließung des örtlichen Siemens-Werkes.

"Ein gutes Verhältnis zu den Juden"

Aber das allein kann es nicht sein, was den AfD-Kandidaten Wippel so erfolgreich macht. Bundespolitikerin Weidel sagt über ihren Parteifreund: "Einer unser Besten. Er ist mehrheitsfähig nach vielen Seiten. Ein Polizist, der mit beiden Beinen im Leben steht. Das ist ein ganz authentischer Politiker."

Wippel selbst bekommt am Stand aber auch anderes zu hören. Eine Frau gesteht, sie würde ihn ja wählen, aber die AfD sei ihr "ein bisschen zu braun, da sind doch immer so viele Sachen mit Hitler und Verleumdungen der Juden". Wippel hört zu, schüttelt ein bisschen mit dem Kopf. Schließlich sagt er knapp, dass ihm auch nicht alles an seiner Partei gefalle. "Und wir haben doch ein sehr gutes Verhältnis zu den Juden, wir haben ja auch welche in der AfD."

Der 36-Jährige arbeitet noch immer als Polizeioberkommissar in Teilzeit. Außerdem ist er sächsischer Landtagsabgeordneter, mit Fokus auf Polizei-Themen. Eine seiner Initiativen nebenbei: In einem Verein vernetzt er sich mit AfD-Politikern und extremen Rechten, um an Schulen politische Bildung zu betreiben.

Wippel, der Schwiegermutterliebling

Im Straßenwahlkampf ist vieles eine Spur moderater. Wippel, ein Hüne, akkurater Kurzhaarschnitt, graue Schläfen, kommt an bei vielen Leuten. Wenn man sich umhört in der Stadt, bescheinigen ihm das auch Menschen, die seine Positionen nicht teilen. Tenor: Wippel könne Junge und Ältere erreichen. Im Wahlkampf gebe er sich gemäßigt, als "Schwiegermutterliebling".

Nicht vergessen in der Stadt sind allerdings auch andere Aktionen. Etwa Wippels Auftritt beim Zuckerfest von muslimischen Migranten im vergangenen Jahr. Während des Fests verteilte er Postkarten, Aufschrift: "Syrien vermisst Dich!", mit denen er die Migranten aufforderte, in ihre Heimat zurückzukehren. Zu dieser Aktion steht Wippel bis heute. Als Herabsetzung von Migranten, habe er das nicht empfunden, sagt er. "Da müssen sie durch."

Im Görlitzer Theater trifft Wippel bei einer letzten Wahldebatte auf seinen CDU-Kontrahenten Octavian Ursu. Der 51-Jährige war viele Jahre Solo-Trompeter auf genau dieser Bühne. Nebenbei ist er schon lange CDU-Politiker und ebenfalls Landtagsabgeordneter. Beide Kandidaten geben sich zunächst Mühe, gelassen zu wirken. Doch die Görlitzer sind alles andere als entspannt in diesen Tagen. Im Saal kommt immer wieder Unruhe auf. Mal pöbeln Zuschauer den Moderator an, weil sie Fragen unfair finden. Mal gibt es Buhrufe für Statements der Kandidaten.

Wer ist ein "richtiger" Görlitzer?

Beide haben auch Gemeinsamkeiten. Sie wollen für mehr Sicherheit in der Stadt sorgen. Ein Dauerthema im Grenzgebiet, in dem viele über Einbrüche klagen. Ursu will mehr Videoüberwachung, Wippel mehr Polizeistreifen.

Der Kommissar wirbt für sich: "Ein Görlitzer mit Sicherheit!" Der Musiker Ursu wurde in Rumänien geboren, er spricht mit leichtem Akzent. Ob Ursu für Wippel denn "ein richtiger Görlitzer" sei, will der Moderator wissen. "Primär sind das erst mal die, die in der Stadt geboren wurden, also zum Beispiel meine Kinder", antwortet Wippel. "Aber man kann ja auch ein Wahlgörlitzer werden, wenn man sich einbringt." Ursu lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. "Ich bin ein richtiger Görlitzer." Er lebe seit 30 Jahren in der Stadt, seine Töchter seien hier geboren, er habe die deutsche Staatsbürgerschaft seit vielen Jahren.

Herr Ursu verteilt Würste und Spülmittel

Wie würde ein Oberbürgermeister Ursu mit der AfD umgehen, die inzwischen mit 13 Mitgliedern die stärkste Fraktion im Stadtrat stellt? Der CDU-Mann erklärt, er wolle mit allen Parteien reden, aber mit der AfD nicht zusammenarbeiten. Man werde versuchen, andere Koalitionen zu finden. Er wird schärfer bei diesem Punkt: "Man kann nicht sagen, auf Bundesebene sind wir so und kommunal so. Nein, es gibt bestimmte Haltungen bei der AfD, die ich nicht akzeptieren kann." Das ist so ein Moment, in dem die Stimmung im Saal wieder kippt. Es herrscht lautes Durcheinander. Von den einen wird Ursu für seine Position beklatscht, von anderen ausgebuht. AfD-Anhänger werfen ihm "undemokratisches Verhalten" vor.

Wenn man sich über Octavian Ursu bei seiner Anhängerschaft erkundigt, bekommt man oft das Wort "anständig" zu hören. Vielleicht "ein bisschen zu blass", sagen einige Parteikollegen. Ursu, ein schmaler Mann, der selbst an seinem eigenen Wahlstand nicht sofort auffällt, gibt sich alle Mühe, zu mobilisieren. Er tingelt durch Görlitz, grillt Würste, verteilt Broschüren und Flaschen eines bekannten Ostspülmittels, extra für ihn umgewidmet: "Ursu – fit für Görlitz!"

Werden auch Linke CDU wählen?

Die große Frage des zweiten Wahlgangs wird sein: Werden linke Wähler auf einen CDU-Mann umschwenken, um die AfD zu verhindern? Ursu bekommt aus etlichen Lagern Unterstützung. Sogar "Hollywood" schaltet sich ein. Ein offener Brief wird veröffentlicht, von bekannten Filmleuten, die vor der AfD mahnen und an die Toleranz und Offenheit der Görlitzer appellieren. Für AfD-Kreise eine Lachnummer, die sofort in die eigenen Lager zurückgespielt wird. Botschaft: Man lasse sich doch nicht von "Hollywood" belehren.

Politisch ist Görlitz in Bewegung. Die Linken rufen für das "bisher Undenkbare" auf und damit indirekt für Ursu. "Sobald die Machtergreifung von Wippel und Co. abgewehrt worden ist", werde man "den neoliberalen, nicht ökologischen und antisozialen Kurs unserer demokratischen Mitbewerber" wieder kritisieren.

Franziska Schubert, die Kandidatin der Grünen, hat sich in diesen Tagen zurückgezogen, um nach dem Wahlkampf durchzuatmen. Mit Platz drei und einem erstaunlich hohen Grünen-Ergebnis, jedenfalls für Ostdeutschland, fühle auch sie sich als Gewinnerin, sagt sie am Telefon. Schubert spricht auch Milieus an, die sich in den letzten Jahren in Görlitz niedergelassen haben. Viele junge Leute sind in die Stadt gezogen, Studenten und Kreative. Sie haben vegane Cafés eröffnet, Hausgenossenschaften gegründet, Vereine belebt. Viele schätzen die Freiräume, die Görlitz bietet, und fürchten die Auswirkungen rechter Politik.

Das Bedürfnis nach Neuanfang

Trotzdem hat die 37-Jährige sich nach dem ersten Wahlgang aus dem Rennen genommen und ihre Anhänger aufgerufen, für "Weltoffenheit" zu stimmen. Der Name Ursu ist dabei nicht gefallen. "Das wäre zu viel des Guten, auch noch explizit für ihn zu mobilisieren."

Mit einer Prognose zum Wahlausgang tut Schubert sich schwer, wie viele in der Stadt. Ein "Selbstläufer" werde ein CDU-Sieg jedenfalls nicht. "Octavian Ursu hat ein CDU-Parteibuch, das steht nicht für einen Wechsel. Den wollen aber viele Menschen." Das könne man sowohl an ihren Grünen-Wahlergebnissen ablesen als auch am Erfolg des AfDlers Wippel. Schubert erzählt, sie habe Menschen getroffen, die zuerst für sie als Grüne gestimmt haben und nun im zweiten Wahlgang für Wippel voten wollen. Nur um kein Kreuz bei der CDU machen zu müssen. Der noch amtierende Oberbürgermeister Siegfried Deinege ist parteilos, steht aber der CDU nah, und tritt aus Altersgründen nicht noch mal an.

Die Stadt wird einen neuen Oberbürgermeister bekommen. Und in zweieinhalb Monaten zur Landtagswahl ein brisantes Rückspiel. Im Herbst tritt im Görlitzer Wahlkreis die Grüne Franziska Schubert wieder an. Sie wird dort unter anderem auf einen AfD-Mann treffen. Vielleicht sogar erneut auf Sebastian Wippel, falls der als Oberbürgermeister verlieren sollte. Außerdem für die CDU im Rennen: Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer, dem der Görlitzer Wahlkreis die schwierigste Niederlage seiner Karriere beschert hatte. Kretschmer hatte hier bei der Bundestagswahl 2017 überraschend gegen die AfD verloren.