Michael Kellner wurde 1977 im thüringischen Gera geboren. Seit 2013 ist er Bundesgeschäftsführer der Grünen. In dieser Funktion hat er schon zahlreiche Wahlkämpfe für die Grünen organisiert und gehörte 2017 zu dem Team, das mit Union und FDP über die Bildung einer Jamaika-Koalition verhandelte.

ZEIT ONLINE: Herr Kellner, angesichts der aktuellen Turbulenzen bei der SPD: Bereiten die Grünen sich schon auf eine Neuwahl vor?

Michael Kellner: Wenn ich es richtig sehe, wollen Union und SPD ja weitermachen. Die Frage ist dabei, ob sie wirklich die Kraft aufbringen, als handlungsfähige Regierung zu agieren und die nötigen Veränderungen – siehe Klimakrise und notwendige Investitionen für den Umbau der Wirtschaft – auf den Weg zu bringen. Das können nur die Parteien selbst beantworten. Wenn die Koalition aber bricht und es zu einer Neuwahl kommen sollte, scheuen wir keinen Wahlkampf.

ZEIT ONLINE: Bei der Europawahl sind Sie gerade zweitstärkste politische Kraft in Deutschland geworden, die jüngste Forsa-Umfrage sah die Grünen gar vor der Union. Werden Sie im nächsten Bundestagswahlkampf einen Kanzlerkandidaten oder eine Kanzlerkandidatin aufstellen?

Kellner: Auf Umfragen kurz nach einer Wahl gebe ich wenig und Forsa ist vor allem auf Schlagzeilen aus. Aber zu Ihrer Frage: Wir entscheiden die Dinge dann, wenn sie wirklich anstehen, und lassen uns keine Debatten von außen aufdrücken. Und im Augenblick ist mir jedenfalls noch kein Bundestagswahltermin bekannt. Unsere Stärke ist, dass wir in der Partei im Team zusammenspielen.

ZEIT ONLINE: Sicher ist, dass demnächst in drei ostdeutschen Ländern Landtagswahlen stattfinden. Im Osten sind die Grünen in Umfragen nur halb so stark wie in gesamtdeutschen Umfragen. Wie wollen Sie das ändern?

Kellner: Im Osten bekommen die Grünen gerade eine zweite Chance: Da ist zum einen der Wunsch vieler Menschen nach einer intakten Umwelt. Zum anderen gibt es ganz viele, die nicht wollen, dass der Osten nur als Region wahrgenommen wird, wo Rechtspopulisten und Nazis den Ton angeben. Wir Grüne werden noch mal neu wahrgenommen. Das sehen wir bei den Wahlergebnissen bei der Europawahl in Mecklenburg-Vorpommern, in Brandenburg und in Sachsen. Da waren wir zweistellig. Wir haben unser Ergebnis im Osten verdoppelt. Wenn wir es schaffen, dass wir auch in Ostdeutschland der 5–8-Prozent-Zone entrinnen, dann wäre das ein riesiger Schritt vorwärts.

ZEIT ONLINE: Ist es also der Aufstieg der AfD, der für die Grünen zur Basis ihres Erfolgs wird?

Kellner: Es gibt im Osten eine hochaktive Zivilgesellschaft, die sich mit viel Mut dem Rechtsruck entgegenstellt. Diese Bewegung ist größer als die Grünen, aber wir profitieren davon. In Brandenburg hatten wir seit Januar 2018 einen Mitgliederzuwachs von über 50 Prozent. Und dieses Wachstum hält an.

ZEIT ONLINE: Ihre Partei – Bündnis 90/Die Grünen – hat sich nach der Wende mit der DDR-Bürgerrechtsbewegung verbunden. Warum ist es danach im Osten nicht gelungen, eine starke grüne Partei aufzubauen?

Kellner: Die Bürgerrechtler wollten zwar das DDR-Regime beseitigen, aber sie hatten keine gemeinsame Vorstellung von der politischen Zukunft. Außerdem konnten wir, anders als CDU oder FDP, nicht an die Strukturen einer DDR-Blockpartei anknüpfen. Hinzu kommt: Umweltschutz war vor der Wende ein Riesenthema. Nach 1990 wurde die Situation schlagartig besser: Die Trabbis ohne Katalysator verschwanden, ebenso die Kohleöfen, und moderne Kläranlagen und Kraftwerksfilter sorgten für saubere Luft und Wasser. Hinzu kam eine flächendeckende Deindustrialisierung. Soziale Sorgen dominierten und zugleich verbesserte sich die Umweltsituation. Doch wegen der aktuellen Dürre merken die Menschen auch im Osten, dass die Klimakrise real ist. Der Verlust an Artenvielfalt durch die EU-Landwirtschaftspolitik ist ein großes Thema im ländlichen Raum.

ZEIT ONLINE: Sie selbst sind 1977 im thüringischen Gera geboren. Als die DDR zusammenbrach, waren Sie zwölf. Fühlen sie sich eigentlich als Ossi?

Kellner: Ja. Die Neunzigerjahre haben mich zum Ossi gemacht. Als Kind war ich zu klein, um Teil der Bürgerrechtsbewegung zu sein. Aber dass abrupter Wandel über Nacht möglich ist, hat mich sehr geprägt. Über Nacht waren die Schulleiterin, die Klassenlehrerin, die Pionierleiterin weg. Autoritäten wurden erschüttert. Das Erlebnis, dass alles möglich ist, im Guten wie im Schlechten, das war einschneidend.

ZEIT ONLINE: Ist das für Sie eine Erfahrung, die Sie ihren westdeutschen Altersgenossen voraushaben?

Kellner: Gerade der abrupte Wandel ist eine speziell ostdeutsche Erfahrung. Ich hatte gesehen, wie über Nacht ein System kollabiert. Das hat mich geprägt. In der Finanzkrise etwa hatte ich das Gefühl, dass es eine hohe Dringlichkeit gibt zu handeln. Dass alles schon irgendwie gut gehen und immer so weiterlaufen würde – das konnte ich nicht glauben.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie als Kind die DDR erlebt?

Kellner: Ich hatte eine schöne Kindheit. Es gab Dinge, die ich nicht verstanden habe. Etwa, warum wir unsere Verwandten in Westdeutschland nicht besuchen konnten. Ich habe auch früh gelernt, dass man über bestimmte Themen nicht reden durfte. Meine Schwester war Volleyballnationalspielerin. Sie durfte keine Westkontakte haben und konnte unsere Westverwandtschaft nur heimlich in Berlin treffen und ich durfte davon niemandem erzählen. Die ganze Gesellschaft war sehr autoritär. Das merkte ich auch in der Schule. Es ging ziemlich streng zu. Nach der Wende unterrichtete bei uns ein westdeutscher Referendar, der setzte sich im Unterricht ganz ungezwungen auf den Lehrertisch. Das war für uns was ganz Unerhörtes.