ZEIT ONLINE: Welche Folgen hatte die Wende für Ihre Familie?

Kellner: Meine Mutter verlor ihre Arbeit, mein Vater seinen Posten als Schulleiter. Diesen Verlust an sozialem Status haben viele in der Generation meiner Eltern erlebt und das hat sie sehr geprägt. Für uns Jugendliche war besonders einschneidend, dass plötzlich alle Autoritäten wegfielen – und die starke Polarisierung zwischen rechts und links war schlagartig da.

ZEIT ONLINE: Viele Ostdeutsche sehen sich mit ihrer Geschichte durch die westdeutsche Elite nicht ernst genommen. Was halten Sie daher von der Idee von Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, endlich eine gesamtdeutsche Nationalhymne zu schaffen? Könnte das Wunden heilen?

Kellner: Die Debatte lenkt nur von den wirklichen Problemen ab. Wir haben eine historisch verkorkste Hymne – aber das ist eine Placebodebatte. In den Neunzigerjahren ist viel versäumt worden: Es gab ja einen Verfassungsentwurf durch die Bürgerrechtsbewegung. Dieser sah beispielsweise vor, soziale Rechte wie etwa ein Recht auf Wohnen zu verankern. Das ist alles mehrfach abgelehnt worden. Die richtigen Ideen der Bürgerrechtsbewegung wurden ignoriert.

ZEIT ONLINE: Was wäre die richtige Debatte?

Kellner: Wir sollten darüber reden, dass die soziale Sicherheit im Osten durch das viel geringere Vermögen deutlich kleiner ist als im Westen. Deswegen sind die Sorgen größer. Stattdessen fordert die Union die Abschaffung des Solidaritätszuschlags auch noch für die oberen zehn Prozent. So etwas regt mich auf. Deutschland muss endlich gleichwertige Lebensverhältnisse schaffen und den Klimaschutz verstärken. Darüber möchte ich reden, nicht über Hymnen.

ZEIT ONLINE: In Sachsen und Thüringen wird es nach den Landtagswahlen im Herbst möglicherweise nur eine Regierungsmehrheit geben: Wenn CDU, SPD, Grüne und FDP sich zusammentun, weil die CDU weder mit den Linken noch mit der AfD regieren will. Ist eine solche Vierparteienkoalition für Sie vorstellbar?

Kellner: Ich hoffe sehr, dass die CDU nicht mit der AfD koalieren wird. Österreichs Regierung zeigt, was passiert, wenn man sich mit Rechtsextremen und Nazis einlässt. Das würde die gesamte politische Landschaft in Deutschland verändern. Auch hätte eine Koalition zwischen AfD und CDU erhebliche Folgen, was eine künftige Zusammenarbeit mit uns und der CDU angeht. Deswegen sollten wir Koalitionen zwischen allen Parteien außerhalb der AfD ausloten, auch wenn es bedeutet, dass es viele Partner braucht.