Der 43 Jahre alte Neonazi Markus H. soll einer der beiden Helfer von Stephan E., dem geständigen Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, sein. Gegen ihn führt die Generalbundesanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zum Mord. Die Ankläger werfen ihm vor, Stephan E. den Kontakt zu einem Waffenhändler – Elmar J. – aus Nordrhein-Westfalen vermittelt zu haben.

Nach Informationen der Generalbundesanwaltschaft liegen bislang allerdings keine greifbaren Hinweise dafür vor, dass die Beschuldigten Elmar J. und Markus H. von den konkreten Anschlagsplänen E.s Kenntnis hatten. Auch mangele es an tatsächlichen Anhaltspunkten dafür, dass sich die drei Beschuldigten zu einer rechtsterroristischen Vereinigung zusammengeschlossen hätten.

Markus H. verkaufte Gewehre und Zubehör

Markus H. lebt wie Stephan E. in Kassel und gilt als Waffennarr – und hat sich in den vergangenen 15 Jahren auch als Waffenhändler verdingt. Auf einer deutschen Seite "für Jäger, Schützen und Angler" verkaufte er nach Recherchen von ZEIT ONLINE insgesamt 480 Produkte. In manchem Monat versorgte er bis zu 18 Kunden mit Waffen und Zubehör. Demnach verkaufte H. im Internet meistens Gewehre und Zubehör, seine letzten Verkäufe waren Waffenzubehör für Pistolen. 

Im Mai dieses Jahres stoppte er seinen Waffenhandel plötzlich, sein Anbieterprofil in dem Shop, das ZEIT ONLINE vorliegt, ist mittlerweile inaktiv. Nur wenige Tage nach der letzten Transaktion wurde Walter Lübcke erschossen. Auf der Waffenhandelsseite aus Darmstadt kann man neben Armbrüsten und Druckluftwaffen auch Großkaliberrevolver und Pistolen mit 9-mm-Kaliber kaufen. Die Ermittler gehen derzeit davon aus, dass auch Lübcke mit einer 9-mm-Großkaliberwaffe getötet wurde. Das geht aus dem Haftbefehl gegen Stephan E. hervor.

Markus H. und Stephan E. kennen sich möglicherweise seit mindestens zehn Jahren. Dafür spricht jedenfalls, dass sie gemeinsam am 1. Mai 2009 mit rund 400 weiteren Neonazis vom Dortmunder Hauptbahnhof zur Maikundgebung des DGB liefen – dort wurden die Gewerkschafter mit Steinen, Holzstangen und Fäusten angriffen, zahlreiche Polizisten wurden damals verletzt. Stephan E. wurde 2010 vom Amtsgericht Dortmund wegen Landfriedensbruchs in einem besonders schweren Fall zu einer siebenmonatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Markus H. galt nach Informationen von ZEIT ONLINE ebenfalls als tatverdächtig.

Bereits 2006 wurde Markus H. zudem aktenkundig in einem der bis heute rätselhaftesten Mordfälle der bundesdeutschen Geschichte. Am 6. April wurde der 21-jährige Halit Yozgat in seinem Internetcafé im Kasseler Stadtteil Nord-Holland durch zwei gezielte Kopfschüsse ermordet. Eindeutig an dieser Tat ist lediglich, dass Yozgat das neunte Mordopfer des NSU war – ansonsten strotzt dieser Fall bis heute vor Ungereimtheiten. Insbesondere die Anwesenheit des damaligen Verfassungsschutzmitarbeiters Andreas Temme bleibt rätselhaft. Die damalige Mordkommission Cafe vernahm rund zwei Monate nach der Tat, im Juni 2006, auch Markus H. Der hatte, heißt es in seiner Aussage, Yozgat einmal zufällig in der Imbissbude seines Vermieters kennengelernt, eines Türken, mit dessen Sohn er in gutem Kontakt stand. Von diesem habe er auch von dem Mord an Yozgat erfahren und sich immer wieder "nach den neuesten Entwicklungen in dieser Mordsache" informiert. Eine Verbindung von Markus H. zu dem NSU-Trio ist nicht aktenkundig.

Unter dem Pseudonym Stadtreiniger veröffentlichte H. Hasskommentare

Nach Informationen der ZEIT ist Markus H. jedoch in den Ermittlungen gegen den NSU-Helfer Ralf Wohlleben aufgetaucht. Als die Beamten des Bundeskriminalamts den Computer Wohllebens durchforsteten, stießen sie auch auf die gesamten Einträge eines rechten Internetforums. Ein Chateintrag aus dem Jahr 2005 dürfte dabei von Markus H. stammen, der mit der E-Mail-Adresse kalashnikov-76@lycos.de angemeldet war – 1976 ist das Geburtsjahr von H. Er nannte sich damals Stadtreiniger und bedauerte, dass "es nicht mehr so ist wie anfang der 90ziger jahre", als man in Österreich ab 18 ohne Waffenbesitzkarte Waffen kaufen konnte. Bei dem Forum handelte es sich um die Plattform des Freien Widerstands Kassel, einer militanten Kameradschaft, der auch Markus H. über Jahre hinweg angehört haben soll.

Laut Informationen des ARD-Magazins Panorama habe Markus H. unter dem Pseudonym "Stadtreiniger" in diesem Forum auch den Satz gepostet: "Wenn ich mir das so recht überlege, sollte es wieder eine Reichskristallnacht geben."

Markus H. soll noch heute dem Haftrichter vorgeführt werden.