Immer wieder diese Frage

Wenn Robert Habeck im ICE-Bordbistro seine Schuhe auszieht, was er nicht immer, aber eigentlich gern macht, weil er wahrscheinlich momentan in Zügen mehr zu Hause ist als irgendwo sonst, dann kann es schon passieren und man sieht die Löcher in seinen Socken. Ihm selbst ist daran nichts peinlich. Er blickt einen an, als seien Löcher in den Socken das Normalste auf der Welt. Sind sie wahrscheinlich auch. Nur sein Mitarbeiter schaut erst seinen Chef, dann die Löcher an den Füßen unter dem Tisch und schließlich mich, die Journalistin, an. Sein Blick versucht mir zu verbieten, das alles gesehen zu haben. Und natürlich habe ich nichts gesehen.   

An diesem Montagnachmittag ist alles anders und doch wieder nicht. Seit einigen Monaten begleite ich Robert Habeck auf manchen seiner Fahrten und in dieser Zeit wurde der grüne Parteivorsitzende fast überall, wo er hinkommt, mit der Frage konfrontiert, ob er Kanzler werden will. Lokaljournalisten fragen ihn das ebenso wie die aus der Hauptstadt, nach Lesungen wird er das von Zuhörern gefragt, die die Frage für sehr originell halten und grüne Parteimitglieder fragen ihn das so, als hätten sie ein natürliches Anrecht auf eine wahrheitsgetreue Antwort.

50 Arten, nichts zu sagen

Inzwischen hat Habeck sicher hundert Antworten parat, sie klingen irgendwie alle wahr. Nur eine Sache ist in diesem Spiel klar: Wenn Habeck keine Lust auf den Job hätte, hätte es nicht an Gelegenheiten gemangelt, das auch einmal zu sagen. Stattdessen winkt er ab, lächelt verlegen, wirft den Kopf auf die Brust oder die Hände in die Höhe. Jedes Mal wie zum ersten Mal. Auch das muss gelernt sein.  

Jana Hensel ist Schriftstellerin und Autorin bei ZEIT ONLINE.

Nun aber ist Andrea Nahles vom Vorsitz der SPD zurückgetreten und kaum etwas wird in der Hauptstadt fortan mehr zu kontrollieren sein. Es kann sich mit der Groko noch hinziehen, es kann aber auch sehr schnell zu Ende gehen. Kein Journalist, kein Politiker kennt dafür das Drehbuch. So wie Angela Merkel im vergangenen Herbst belagert wurde, weil alle darauf warteten, dass sie ihren Rücktritt erklärt, so warten nun alle auf den Moment, an dem Robert Habeck seine Ankunft öffentlich macht. Also seine Kanzlerkandidatur annonciert. Obwohl die Sache bei den Grünen naturgemäß ein bisschen komplizierter ist. Vielleicht tritt er ja auch gemeinsam mit Annalena Baerbock an? Vielleicht macht sie es aber auch ohne ihn?

Bis zur ernsthaften Klärung solcher Fragen aber muss das Tagesgeschäft abgewickelt werden. Das besteht für Habeck seit mehr als einem Jahr eben darin, in Zügen zu wohnen und zu Veranstaltungen und Auftritten im ganzen Land zu fahren. Egal, ob gerade Wahlkampf oder nicht. Er selbst hat dieses Unterwegssein und aus dem Koffer leben mitunter als Verjüngung beschrieben, als Ballast abwerfen. 

Die Bude ist immer voll

Aber er macht das sicher auch, weil er merkt, dass er es kann. Er kann mit brandenburgischen Schäfern über den Wolf reden, mit Anti-AKWlern in Gorleben über den Verbleib des atomaren Restmülls, mit Berliner Fotografen in kleinen Galerien über ihre Bilder, er redet mit Feministinnen, mit Deutschen mit Migrationshintergrund, mit Soziologen, Schriftstellern und Intellektuellen, mit Bauern, Werftarbeitern und Uhrmachern, mit Ost- und Westdeutschen. Und eigentlich ist überall, wo er hinkommt, die Bude gerappelt voll.

Gestern Abend also Köln, die Eröffnung der Phil.Cologne, eine Art kleine Schwester der Lit.Cologne, des professionellsten unter den deutschen Literaturfestivals. Der Zug aus Berlin ist mit Verspätung und nur zwei Minuten vor Beginn der Veranstaltung angekommen. Habeck, seine Reisetasche über der linken Schulter, läuft behände und erstaunlich schnell durch die Menschenmassen am Kölner Hauptbahnhof, die ebenso keine Notiz von ihm nehmen wie er von ihr. Auch untertauchen kann er gut, er zieht sich dann einen dieser Hoodies, die er immer in der Tasche hat, über den Kopf und macht sich viel kleiner, als er ist. So schlängelt er sich durch Deutschland, von Bühne zu Bühne.

Irgendwie den Hype besänftigen

Der Leiter der Phil.Cologne wartet schon ungeduldig vor dem Bahnhof, er hat einen grünen Anzug an und erzählt stolz gleich zur Begrüßung, dass die Veranstaltung schon vor Wochen binnen eines Tages ausverkauft war. Man hätte auch die Köln-Arena mieten können, dort passten 15.000 Leute rein. Habeck selbst reagiert auf solche Wasserstandsmeldungen nicht mehr, innerlich scheint er immerzu bemüht, den ständigen Hype und die Aufregung und auch die Wellen, die er macht, zu besänftigen, das Tempo rauszunehmen, einen Alltag zu imitieren, dem er längst entwachsen ist.

In Erwartung der Weltrettung

Er soll mit dem Soziologen Harald Welzer, salopp gesagt, darüber reden, wie man die Welt retten kann. "Könnte alles anders sein?", heißt der Abend. So heißt Welzers jüngstes Buch. Habecks heißt so ähnlich: Wer wir sein könnten. Solche Titel freilich haben sich Verlage und Veranstalter schon immer ausgedacht, in Deutschland wird an jedem Abend auf sicher hundert Podien die Welt gerettet. Selten aber ist jemand dabei, bei dem diese Aufgabe so eindeutig ins Jobprofil passt. Von dem immer mehr Menschen wirklich erwarten, dass alles anders wird.

Vielleicht auch deshalb kündigt die Moderatorin Svenja Flaßpöhler den ehemaligen Landwirtschaftsminister gleich mal als ehemaligen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein an. Irgendwie muss man ja mit der Tatsache klarkommen, dass vor knapp zwei Jahren kaum einer im Saal gewusst haben wird, wer Robert Habeck ist. Eine Mitarbeiterin vom Kiepenheuer & Witsch Verlag wird später erzählen, wie sehr sie dafür kämpfen musste, dass der Verlag ein Buch von Habeck veröffentlicht. Sein jüngstes Buch hat sich nun bereits 50.000 Mal verkauft.

Keine bildungsbürgerliche Attitüde

Die beiden Männer werden auf dem Podium keine Freunde. Eher versuchen sie konzentriert und in manchen Minuten auch verbissen, dem anderen Denkfehler nachzuweisen. Sie rangeln miteinander, auch, weil in ihnen so viele Unterschiede aufeinandertreffen: Da ist der klassische, urbane Intellektuelle Welzer, der sich gern mit übereinandergeschlagenen Beinen in seinem Stuhl weit zurücklehnt, wenn der andere spricht. Die Welt scheint für ihn insgesamt ziemlich in Ordnung zu sein, denn verglichen mit der vor hundert Jahren leben doch heute auch global betrachtet sehr viel weniger Menschen in Armut. 

Und da ist auf der anderen Seite der sich bildungsbürgerlichen Attitüden verweigernde Habeck. Ein eigenartig jung gebliebener, fast 50-jähriger Mann aus der Provinz, der kein Sakko trägt, die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt hat und auch dann aufrecht sitzen bleibt, wenn er mal nicht an der Reihe ist. Einer, der seinen Schreibtisch vor vielen Jahren verlassen hat, weil es ihm dort wahrscheinlich zu langweilig wurde.  

Nächste Station Würselen

Es ist interessant, wie sich dabei die Rollen vertauschen. Plötzlich ist es der Theoretiker Welzer, der mit einfachen Lösungen kommt. Anstatt der Veggieday-Idee hätte man den Leuten einfach in einer Art "absurden Intervention erlauben sollen, einmal in der Woche Fleisch zu essen". Die Systemfrage zu stellen hält er "für Zeitverschwendung, weil sich das System von derlei Fragen häufig unbeeindruckt zeigt". Auch die Rede von der zunehmenden Komplexität der Gegenwart, die bei den Menschen angeblich Überforderung produziere und sie in die Arme der Rechtspopulisten treibe, hält er für falsch. Eher gleiche sich das Leben doch überall auf der Welt immer mehr an.

Die Fehler des "Veggieday"

In all diesen Fragen ist Habeck ganz anderer Meinung. Erstens der Veggieday: Der Vorstoß sei in Wahrheit viel zu schüchtern und klein gewesen, hätte aber trotzdem den Verdacht genährt, dass "die Grünen statt besserer Politik bessere Menschen machen wollen". Zweitens die Systemfrage: In den vergangenen Jahrzehnten hätten sich Mensch und Natur dem Markt unterwerfen müssen, nun müsse dieses Verhältnis wieder umgedreht werden. "Es ist nicht so schwer zu sehen, was dafür zu tun ist." Und drittens Komplexität: Gerade durch die zunehmende Komplexität und die sich daraus ergebenen Forderungen sei es für die Parteien so schwer, sich nur noch über angestammte Milieus zu definieren: "In Zukunft müssen wir uns über Ziele verständigen und nicht länger über Milieus."

Die ausgesprochenen Gedanken der beiden Männer erzählen viel von ihren Herausforderungen: Während die des Theoretikers Welzer darin besteht, die Widersprüche in seinem Denken aufzulösen und dadurch weniger groß, sondern viel eher anschaulich und erklärbar zu machen, will Habeck der Politik die Widersprüche zurückgeben, sie aufeinanderprallen und wirken lassen, damit Reibung entstehen kann.

Das Publikum jedenfalls klatscht begeistert, als das Licht im Saal wieder angeht. Publikumsfragen sind nicht zugelassen, so kann keiner aufstehen und fragen, ob und wann genau Robert Habeck nun Kanzler werden will.

Weiter nach Würselen

Am nächsten Morgen wird er wieder in den Zug steigen und zum nächsten Veranstaltungsort fahren. Dann wird er in Würselen lesen, ausgerechnet in Würselen. Jeder kennt den Heimatort des letzten SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz, den dieser in seinem verpatzten Wahlkampf geradezu mythisch auflud.

Natürlich ist das nichts als ein Zufall und hat nichts zu bedeuten. Es werden aber auch dort wieder Journalisten auf ihn warten, die Bude wird wahrscheinlich erneut bis auf den letzten Platz gefüllt sein. Alles beginnt von vorn und geht dennoch weiter. So lange, bis er eines Tages auf die Frage, ob er nun Kanzler werden will oder nicht, doch mal eine Antwort geben wird. Das kann morgen sein oder irgendwann.