Die Politikwissenschaftlerin und frühere Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten, Gesine Schwan (SPD), ist nach eigener Aussage bereit, in der SPD ein Führungsamt zu übernehmen. Dem Spiegel sagte die 76-Jährige auf die Frage, ob sie für den Parteivorsitz kandidieren werde: "Ich will der SPD gerne helfen. Und ich traue mir auch zu, dazu beizutragen, dass das Bild der Partei in der Öffentlichkeit positiver wird, als das im Moment der Fall ist."

Sie habe jedoch "keinerlei Karriereambitionen", etwa auf das Kanzleramt, fügte Schwan hinzu – ein möglicher Vorteil: "Das erleichtert es vielleicht, wieder Vertrauen für die SPD zu schaffen", sagte sie. Die SPD müsse genau prüfen, wer an welcher Stelle Verantwortung übernehmen könne.

"Ein unerfreuliches, kleinkariertes Bild"

Die Politikwissenschaftlerin zeigte sich in dem Interview unzufrieden über den Zustand der sozialdemokratischen Partei: "Nach außen vermitteln wir ein unerfreuliches, kleinkariertes Bild." Die SPD müsse sich eine neue Begeisterungsfähigkeit erarbeiten. Um Wählerinnen und Wähler zu überzeugen, reiche es nicht, "ein paar schöne Sachen zu versprechen und im Sinne moderner Wahlarithmetik sozialpolitische Wohltaten zu verteilen", sagte Schwan. Mit einem derart durchschaubaren Verhalten erwecke die Partei den Eindruck, als mache sie alles nur, "damit uns noch jemand wählt".

Schwan war in der Vergangenheit zweimal als Kandidatin zur Wahl für das Bundespräsidentenamt angetreten: 2004 war sie von SPD und Grünen vorgeschlagen worden, unterlag bei der Abstimmung jedoch dem von den Konservativen und der FDP bevorzugten Kandidaten Horst Köhler. 2009 war sie noch einmal gegen Köhler angetreten, mit demselben Ergebnis.

An der Freien Universtität Berlin lehrte Schwan seit 1977 Politikwissenschaften, für Forschungsaufenthalte reiste sie unter anderem nach Washington und New York. Innerhalb der SPD war sie an der Gründung des Seeheimer Kreises beteiligt, dessen Mitglieder sich einem konservativen Flügel der SPD zuordnen. Sie ist Vorsitzende der Grundwertekommission der Partei. Zwischen 1999 und 2008 war Schwan Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

Anfang Juni war die bisherige SPD-Vorsitzende Andrea Nahles von allen politischen Ämtern zurückgetreten. Wer ihre Nachfolge antreten wird, ist unklar. Derzeit wird die Partei kommissarisch von Malu Dreyer, Manuela Schwesig und Thorsten Schäfer-Gümbel geleitet.