Die letzten Wahlergebnisse waren ein Debakel für die SPD. Seither ist Partei- und Fraktionschefin Andrea Nahles in ihrer Position angeschlagen. Doch sie hat die Flucht nach vorne angetreten, die Wahl zum Fraktionsvorsitz als Konsequenz aus der Wahlniederlage vorgezogen und angekündigt, erneut anzutreten. Endet ihre Amtszeit nach nur einem guten Jahr als Parteivorsitzende oder wird sich Nahles an der Spitze von Partei und Fraktion halten?

Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hat seine Parteimitglieder nun davor gewarnt, die SPD-Chefin zu stürzen. "Nachdem die SPD in ihrer großen und langen Geschichte mit Andrea Nahles zum ersten Mal eine Frau an ihre Spitze gewählt hat – welches Zeichen ist es, wenn diese Frau nach einem Jahr wieder gestürzt wird?", schrieb Thierse laut einem Bericht des Tagesspiegels in einem Appell an die SPD-Bundestagsabgeordneten.

"Der falsche Weg", sagt Wolfgang Thierse

"So sehr es menschlich verständlich ist, nach einer furchtbaren Wahlniederlage Personalfragen zu diskutieren – es ist der falsche Weg." In den vergangenen drei Jahrzehnten seiner SPD-Mitgliedschaft habe die Partei 13 Vorsitzende verschlissen "und damit den Niedergang der SPD nicht aufgehalten, sondern vielmehr befördert".

Die SPD-Abgeordneten sollen am 4. Juni über den Fraktionsvorsitz abstimmen. Nahles hatte die ursprünglich für September geplante Wahl nach dem desaströsen Abschneiden der SPD bei der Europa- und der Bremen-Wahl vorgezogen. Gegenkandidaten gibt es bisher nicht. Sollte Nahles dennoch scheitern, würde sich wohl auch die Frage nach dem Parteivorsitz stellen, den sie ebenfalls innehat.

Andere SPD-Politiker rechnen mit Nahles' Niederlage

Der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Bernd Westphal, rechnet mit einer Niederlage für Nahles. Es sei "keine Mehrheit" in Sicht für die Fraktionsvorsitzende, sagte er der Rheinischen Post (Samstagsausgabe). Viele in der SPD wünschten sich "einen Neuanfang ohne Andrea Nahles". Falls sie nicht von sich aus zurücktrete, müsse sie bei der Abstimmung "eine Niederlage einstecken", sagte Westphal.

Nach Ansicht von Wolfgang Thierse würde die SPD sich mit so einem Abstimmungsergebnis selbst schaden: "Wer als Partei glaubwürdig für eine Politik der Solidarität eintreten will, der muss selbst Solidarität vorleben – sonst betreibt er Selbstzerstörung unserer Partei." Die SPD müsse vielmehr ihren "Identitätskern" wieder sichtbar machen und eine Politik "für Gerechtigkeit und Solidarität, für den sozialen Zusammenhalt einer gespaltenen, zersplitterten Gesellschaft" betreiben.

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