Die Krise der SPD und die Ergebnisse der Europawahl hinterlassen offenbar Spuren im Stimmungsbild: Die Mehrheit der Deutschen hat sich in einer Umfrage für eine Neuwahl des Bundestags ausgesprochen. In einer Erhebung des Meinungsforschungsinstituts YouGov stimmten 52 Prozent für einen solchen Schritt, nur 27 Prozent wünschten sich eine Fortsetzung des Bündnisses von Union und SPD. 21 Prozent machten keine Angaben.

Von den befragten SPD-Wählerinnen und -Wählern sind sogar 58 Prozent für ein Ende der großen Koalition und nur 26 dagegen. Unter den Anhängern der Union sind der Umfrage zufolge die Befürworter einer Neuwahl mit 36 zu 49 Prozent in der Minderheit.

Union und SPD hatten bei der Europawahl ihre bisher schlechtesten Wahlergebnisse bei einer bundesweiten Wahl eingefahren. Am Wochenende kündigte Andrea Nahles ihren Rücktritt an. Nach dem Rücktritt der SPD-Partei- und -Fraktionschefin drohte die Krise der Sozialdemokraten auch die Union mitzureißen. Es wurde darüber nachgedacht, ob die verunsicherte SPD nun aus der großen Koalition aussteigt. Die Wahlperiode läuft eigentlich noch bis 2021.

Die große Koalition ist der Umfrage zufolge von allen möglichen Bündnisvarianten inzwischen diejenige, die am wenigsten gewollt wird. Nur neun Prozent der Befragten würden sich für diese Option entscheiden, wenn sie es sich aussuchen könnten. Die beliebteste Koalition ist Grün-Rot-Rot (Grüne, SPD und Linke) mit 25 Prozent Zustimmung. Für Jamaika (Union, Grüne und FDP) sprachen sich 15 Prozent der Befragten aus, für Schwarz-Grün (Union und Grüne) 14 Prozent. Von den Wählern der Grünen wünschen sich sogar 54 Prozent ein grün-rot-rotes Bündnis – wie es die Grünen am Abend für Bremen vorgeschlagen hatten – und nur 25 Prozent Schwarz-Grün.

In der Entscheidung der Grünen in Bremen für Koalitionsverhandlungen mit SPD und Linken sieht auch der Linke-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Dietmar Bartsch, ein Signal für die Bundespolitik. "Das erste Mal Regierungsverantwortung im Westen rückt nahe", sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. "Die Bremer Linke kann stolz sein, weil das ein bundespolitisches Signal ist." Die Linke regiert Berlin, Brandenburg und Thüringen mit. In Bremen hat der Landesvorstand der Grünen den Mitgliedern Koalitionsverhandlungen mit SPD und Linkspartei vorgeschlagen.

Über die Unsicherheiten von Umfragen

Repräsentative Umfragen unterliegen immer Fehlern. Man kann davon ausgehen, dass der tatsächliche Wert mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem Bereich von einem bis drei Prozentpunkten über oder unter den letztlich angegebenen Messwerten liegt. Den Korridor dieses statistischen Fehlers zeigen wir ab sofort in unseren Grafiken zu Wahlumfragen.

Die Ergebnisse basieren immer auf Stichprobenbefragungen. Diese decken in der Regel nur spezielle Teile der Bevölkerung ab (zum Beispiel Menschen mit Festnetz-Telefonanschluss oder Internetnutzer). Einige potenzielle Teilnehmer sind ablehnend und wollen erst gar nicht befragt werden. Fragen werden mitunter auch falsch verstanden und nicht immer aufrichtig beantwortet. Zum Beispiel auch in Reaktion auf vorangegangene Umfragen. Um jedoch ein allgemeines Meinungsbild über alle Bevölkerungsgruppen hinweg zu berechnen, müssen die Demoskopen fehlende Messwerte und vermutete Ungenauigkeiten ausgleichen und die vorliegenden Zahlen neu gewichten. Diese (in der Regel nicht transparenten) Formeln unterscheiden sich in den Instituten und führen daher zu unterschiedlichen Aussagen.

Umfragewerte sind immer Momentaufnahmen. Mehr als eine grobe Tendenz für ein Meinungsbild lässt sich daraus nicht ableiten. Selbst wenn die Aussagen und Berechnungen zum Veröffentlichungszeitpunkt der Umfrage nahe an der Realität liegen, ist immer noch offen, ob die damals befragten Wähler zum Beispiel später tatsächlich ihre Stimme abgeben oder sich kurzfristig umentscheiden.

Weitere Hintergründe über unseren Umgang mit Wahlumfragen finden Sie in unserem Transparenzblog Glashaus.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die beliebteste Koalition sei Rot-Rot-Grün. Korrekt ist: In der Umfrage ging es um das Bündnis Grün-Rot-Rot.