Wie laut und selbstbewusst die Nationalisten in der AfD mittlerweile agieren, war jüngst im thüringischen Leinefelde zu beobachten. Dort traten am Wochenende in einem Gasthaus die Chefs der drei wahlkämpfenden ostdeutschen Landesverbände auf, beim jährlichen Kyffhäuser-Treffen des rechten AfD-Flügels. Fahnen werden geschwenkt und dramatische Musik ertönt, als der Thüringer Björn Höcke und sein brandenburgischer Amtskollege Andreas Kalbitz in den Saal einziehen, Hunderte Gäste applaudieren oder filmen mit dem Handy, wie ein Facebook-Video zeigt. Mit dabei war auch Jörg Urban, Spitzenkandidat zur Landtagswahl in Sachsen. Spitzenleute des Flügels reden gerne mal vom "Paradigmenwechsel für unser Land" und rufen zum "Widerstand" auf. Der Flügel ist sichtbar, laut, er kann viele mobilisieren, das Konterfei Höckes gibt es sogar gedruckt auf Buttons und Tragetaschen. 

In Nordrhein-Westfalen war die Stimmung zugleich deutlich schlechter: In dem mit 5.000 Mitgliedern größten AfD-Landesverband hatte sich der Vorstand zerstritten. Auf einem Parteitag am Samstag traten neun von zwölf der Vorstandsmitglieder zurück. Der Grund: Sie beklagen eine Dominanz der AfD-Nationalisten in der Partei. Unter Applaus und Buhrufen der Delegierten verließ die Gruppe den Saal. Die drei Vertreter eines radikaleren Kurses blieben im Amt, weil ein Antrag auf ihre Abwahl knapp scheiterte. Die Bundesspitze verlangt nun, dass NRW bis zum 6. Oktober einen neuen Landesvorstand wählt.

Derlei Machtspiele und Machtdemonstrationen der Radikalen in der Partei tat die AfD-Führung bisher immer als Ausdruck innerparteilicher Pluralität ab. Inzwischen jedoch ist der Ton kritischer geworden. Denn die Beobachtung des Flügels und der AfD-Jugend durch den Verfassungsschutz bedrohen die Existenz der Partei in der bisherigen Form. Für Beamte kann das Engagement in der AfD disziplinarrechtliche Folgen haben.

Gauland warnt seine eigene Partei

Parteistrategen befürchten, dass die laute Dominanz der Nationalisten all jene vertreiben könnte, die als Bürgerlich-Konservative der AfD beitraten und nun feststellen, dass hier Rassisten das Wort führen. Das könnte auch Wähler verschrecken, so die Überlegung: Jede Stimme für das Höcke-Lager im nationalistisch ausgerichteten Osten des Landes koste zehn Stimmen im Westen, deutete jüngst einer aus der Parteispitze an. 

Doch der Einfluss der Bürgerlich-Konservativen in der Partei schwindet weiter, das zeigen auch andere Landesverbände: In Schleswig-Holstein wählte ein Parteitag Doris von Sayn-Wittgenstein zur Landesvorsitzenden – dabei will der AfD-Bundesvorstand sie wegen ihrer Kontakte ins rechtsradikale Milieu aus der Partei ausschließen. Auch in Bayern tobt ein Machtkampf zwischen gemäßigten und radikaleren AfD-Mitgliedern, er wird voraussichtlich auf einem Parteitag Ende des Monats entschieden. Am Dienstag stellten dort Berichten zufolge mehrere Abgeordnete Strafanzeige gegen ihre Fraktionsvorsitzende Katrin Ebner-Steiner – wegen der angeblichen Veröffentlichung privater E-Mails, in denen sich die Abgeordneten über eine mögliche Neuwahl des Fraktionsvorstandes ausgetauscht hatten.

Vieles in der AfD ist derzeit in Bewegung. Das ist riskant für die Führung einer Partei, die neben ihrem Radikalismus für ihre Unberechenbarkeit bekannt ist. Bemerkenswert war daher der Auftritt von Parteichef Alexander Gauland auf dem Kyffhäuser-Treffen. Er erinnerte seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter an die Grenzen der Meinungsfreiheit und warnte, die AfD sei keine Spielwiese zum Austesten, wie weit man rhetorisch gehen kann. Eine erstaunliche Äußerung von einem Parteichef, der 2018 noch verlangt hatte, die Leistungen der Soldaten der Wehrmacht stärker zu würdigen. Schon im Februar hatte Co-Chef Jörg Meuthen auf dem baden-württembergischen Landesparteitag in Heidenheim seine Partei ermahnt, wer seine "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ausleben" wolle, der sei in der AfD falsch.