Die hintere Saaltür fliegt auf und Björn Höcke eilt Richtung Bühne. Die Besucher im Saal des Schützenhauses Lommatzsch springen hoch, "Höcke, Höcke"-Rufe schallen durch den Raum. Wer nicht applaudiert, filmt mit dem Handy. Höcke nimmt mit Schwung die Stufen zur Bühne und winkt von oben mit hoch gereckten Armen. 

Der Stargast zum Auftakt des AfD-Landtagswahlkampfs in Sachsen ist der Landesvorsitzende aus Thüringen. So war es auch am Samstag in Brandenburg, wo Höcke als Letzter sprach – die Galionsfigur des rechtsnationalen Flügels der AfD. Er trat ans Pult, als Bundeschef Jörg Meuthen und Höckes Amtskollegen aus Cottbus und Dresden längst fertig waren.

In der Partei ist Höcke derzeit stark umstritten. Im ostdeutschen Wahlkampf aber, so sieht es aus, geht ohne Höcke derzeit nichts.

"Jetzt erst recht"

Das Schützenhaus im sächsischen Lommatzsch bei Meißen ist überfüllt, die AfD ist unter sich, Gegendemonstranten wie am Samstag in Cottbus gibt es keine. "Jetzt erst recht" heißt es auf AfD-blauen Plakaten im Saal, und "Verdächtig gute Wahl" – ein Seitenhieb auf den Verfassungsschutz, der den nationalistischen Höcke-Flügel zum Verdachtsfall erklärt hat, also beobachtet. Nur ein knappes Viertel der 250 Besucher an den Tischen sind Frauen. Man trinkt Kaffee aus AfD-Bechern, Wiener mit Kartoffelsalat kostet fünf Euro.

Die Redner arbeiten mit den bekannten Schlagworten und rechten Parolen. Björn Höcke spricht vom Wasserstrahl (der Migration), den es zu stoppen gelte, weil er "Deutschland auflöst wie ein Stück Seife". Erwähnt werden auch "die Altparteien", die der Autoindustrie "das Rückgrat brechen". Der Saal tobt, wenn es um "Meinungsfreiheit statt Gesinnungsschnüffelei" geht. Oder darum, dass man "erstmals seit 1989 ein Klima der realen Unfreiheit" spüre, wie der brandenburgische AfD-Spitzenkandidat Andreas Kalbitz beklagt. 


Mit den Befindlichkeiten der DDR-erfahrenen Ostdeutschen zu spielen beherrschen die westdeutschen AfD-Funktionäre gut. Höcke ruft die Anwesenden im Saal zur "friedlichen Revolution an der Wahlurne" auf. Durch alle Reden zieht sich der Anspruch, Politik "für Inländer" zu machen. Und dabei grenzen sie alle anderen aus. 


Kampfansagen an Höcke

Sachsen und Brandenburg wählen im September einen neuen Landtag. Auf den Wahlkampfbühnen scheint alles bestens. Doch dahinter gärt es. Vor wenigen Tagen mobilisierten 100 AfD-Mitglieder und Funktionäre öffentlich gegen Höcke – wegen seines ichbezogenen Personenkults und der Andeutungen des Nationalisten, für den Bundesvorstand zu kandidieren.

Während ihr über die Medien verbreiteter Appell aber noch als taktisch platzierte Botschaft an bürgerliche Wählerschichten zu verstehen war, ist nun ein offener Machtkampf ausgebrochen: Westdeutsche Spitzenfunktionäre riefen Höcke in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagsgzeitung auf, zur Wahl des Bundesvorstands anzutreten. Dann werde sich zeigen, wie groß seine Unterstützung ist. Die Hoffnung: Er fällt durch. Kampfansagen dieser Art sind ein Novum – denn in Wahlkampfzeiten galt in Parteien bisher eine Art Burgfrieden, um die Wähler nicht zu verschrecken. 


In seinen Reden ließ Höcke den Appell unerwähnt. Kalbitz erwähnte ihn indirekt, indem er konstatierte, es gebe "Gegner, die versuchen, den Spaltpilz in die Partei zu treiben".

Der Konflikt in der AfD verläuft quer durch die Partei. Im Osten könnten die Höcke zugewandten Landesverbände in den anstehenden Wahlen stärkste Kraft werden. Damit wären die anderen Parteien gezwungen, eine lagerübergreifende Regierung gegen die AfD zu bilden, denn mit ihr will niemand koalieren.

Im Westen wachsen zugleich die Spannungen: In Nordrhein-Westfalen traten vor wenigen Tagen drei Viertel des Landesvorstands zurück – aus Ärger über den Einfluss des Höcke-Flügels. In Bayern sammelt der Flügel Unterschriften gegen die Landesspitze, in Schleswig-Holstein wählten sie jüngst mit Doris von Sayn-Wittgenstein eine Parteiradikale zur Vorsitzenden, gegen die ein Ausschlussverfahren läuft. Der in Thüringen gegründete Flügel wirkt mittlerweile überall. 


Entscheidend sind die Unentschiedenen

Innerparteiliche Abstimmungen zeigen, dass Höckes Plattform etwa 40 Prozent der Partei hinter sich hat – ein weiteres Drittel der AfD sind die Bürgerlich-Konservativen. Entscheidend ist der Rest, die Unentschiedenen, die sich mal hier, mal dort anschließen. 

Zur Bundesvorstandswahl 2017 war Höcke nicht angetreten, das Risiko, durchzufallen, war ihm zu groß. Hinzu kam die drohende Spaltung: Parteifunktionäre hatten mit Austritt gedroht, sollte der Thüringer Landeschef in die Bundesspitze gewählt werden.

Seit Höcke aber 2018 seine vorübergehende Zurückhaltung aufgab, flutet er aus dem Thüringer Landtag die Partei mit politischen Konzepten zu Rente und Demokratie. Für die Verankerung in der Partei sorgt sein Stratege Kalbitz. Und die ist groß. Nicht nur, dass die meisten Landesverbände im Osten fest im Flügel verankert sind, in Nordrhein-Westfalen, Bayern oder Schleswig-Holstein dominieren mittlerweile ebenfalls Flügel-Leute.

Im Lager der innerparteilich Gemäßigten wächst die Furcht vor dem Verlust rechtskonservativer Wähler und einem Ende in der Fünfprozent-Schmuddelecke des Extremismus. Schon die Europawahl zeigte, dass die AfD nur bei älteren Wählerschichten erfolgreich ist: Bei den unter 30 Jahre alten Wählern liegt sie bei sechs Prozent.

Höcke äußerte sich bislang nicht öffentlich, ob er diesmal für den Bundesvorstand kandidiert. Anderen schwant offenbar, dass der Flügel die Partei vollends spalten könnte, wenn er zu dominant auftritt. Kalbitz sagte dem Spiegel bereits, er wolle nicht als Parteichef kandidieren. Er sieht sich eher in der zweiten Reihe.