Die Kanzlerin hat öffentlich gezittert, dreimal. Es war ein schmerzhafter Anblick, wie Angela Merkel live und im TV um ihre körperliche Kontrolle rang, die sie sonst so perfektioniert hat.

Ihre vorübergehende Schwäche sorgte weltweit für Schlagzeilen, Eilmeldungen wurden auf Handybildschirme gepusht. Was ist nur los mit ihr, die manche als letzte Anführerin der freien Welt sehen?

Erste Kommentatoren fordern nun, die Kanzlerin müsse bestätigen, dass sie beim Arzt gewesen sei und einen Check bestanden habe. Haben die Bürger vielleicht sogar ein Recht darauf, zu wissen, worunter die wichtigste deutsche Politikerin leidet, und ob ihr Hinweis, es handle sich um eine harmlose psychologische Reaktion, nicht nur Beschönigung ist?

Nein, denn auch für eine Bundeskanzlerin gilt: Gesundheit ist Privatsache. In einer freien Gesellschaft sollte sich niemand für seinen körperlichen und seelischen Zustand rechtfertigen, geschweige denn ihn öffentlich dokumentieren müssen. Was ist vollkommen gesund, ab wann ist man schon krank? Selbst Ärzte können das nicht immer so genau sagen.

Nur eines ist entscheidend: dass Angela Merkel ihre Arbeit verantwortungsvoll erledigen kann. Beispiele aus der Vergangenheit zeigen, dass auch Spitzenpolitiker, die nicht kerngesund waren, leistungsfähig waren: Über den sozialdemokratischen Kanzler Willy Brandt wird berichtet, dass er in depressiven Phasen tagelang nicht vor die Tür ging. Sein Weggefährte Helmut Schmidt hat mal erzählt, dass Kanzler Brandt 1972 sogar seinen eigenen Koalitionsverhandlungen fernblieb. US-Präsident Franklin Roosevelt konnte wegen einer Kinderlähmung nur wenige Schritte laufen, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble sitzt im Rollstuhl, der Thüringer CDU-Spitzenkandidat Mike Mohring hat gerade eine Krebsbehandlung hinter sich. 

Kranke können gute Politik machen und kerngesunde Politiker brandgefährlich sein. Wer regiert also gesünder?

In den USA ist es üblich, dass der Präsident sich einem jährlichen Gesundheitscheck unterzieht. Sein Leibarzt beteuert in der Regel, es sei alles in Ordnung. Doch sind die Bürger dann wirklich schlauer? Je mehr der Druck steigt, fit zu sein, desto eher können Atteste geschönt und am Ende vielleicht sogar gefälscht werden.

Was folgt daraus für Deutschland und Angela Merkel? Die Kanzlerin sagt, sie sei "gut leistungsfähig" und sich der Verantwortung ihres Amtes bewusst. Zuletzt verhandelte sie auf dem EU-Gipfel in Brüssel 24 Stunden lang – und auch nach ihren Zitteranfällen beim Staatsbesuch des finnischen Präsidenten und der Vereidigung von Bundesjustizministerin Christine Lambrecht schickte sie ihre Gäste nicht etwa nach Hause, sondern zog ihr Kanzlerinnen-Tagesprogramm wie geplant durch. Beim Besuch der Dänin Mette Frederiksen saß sie am Donnerstag kurzzeitig auf einem Stuhl, als die Nationalhymne gespielt wurde. Sonst war alles normal.

Bisher gibt es also keinen Hinweis darauf, dass Angela Merkel in ihrer Arbeitskraft nachgelassen hat. Nie stand sie in wichtigen Momenten neben sich oder wirkte in Pressekonferenzen unkonzentriert und fahrig.

Sollte sich das irgendwann einmal dramatisch ändern, dann haben sie und ihr Umfeld die Verantwortung, zu überlegen, ob es noch geht. Sorgen, dass Merkel einen besorgniserregenden Zustand vertuschen könnte, braucht sich bis dahin niemand zu machen. Die Mediengesellschaft ist gnadenlos, keine Schwäche bleibt mehr unbemerkt. Auch das nächste Zittern wird von CNN bis Al Jazeera übertragen werden.