Eigentlich könnte es eine Win-Win-Situation sein, die Konstellation, die Annegret Kramp-Karrenbauer und Angela Merkel vor gut einem halben Jahr eingegangen sind. Seit die Kanzlerin nicht mehr CDU-Vorsitzende ist, hat sie deutlich mehr Zeit, um sich auf ihre internationalen Aufgaben zu konzentrieren. Merkel ist mit dem Parteivorsitz auch einige lästige Pflichten losgeworden. Politischer Aschermittwoch, Anstandsbesuch beim Wirtschaftsrat - solche Partei-Events haben der Kanzlerin nie sonderlich behagt. Sie hat sie unspektakulär und zunehmend routiniert durchgezogen. Die meisten Auftritte waren schnell wieder vergessen.

Um derlei Veranstaltungen darf sich seit gut sechs Monaten ihre Nachfolgerin kümmern. Für Annegret Kramp-Karrenbauer hat das theoretisch ebenfalls Vorteile: Die Saarländerin kann in die Rolle als Spitzenpolitikerin auf Bundesebene und potentielle nächste Kanzlerin heranwachsen. Sie erhält viel öffentliche Aufmerksamkeit - und gleichzeitig kann sie sich mit der ihr vertrauten Kanzlerin permanent rückkoppeln. Die FDP spottete zwar über die "Kanzlerin im Praktikum", aber eine gewisse Phase der Einarbeitung und ein gewisses Maß an Lernbereitschaft können in der Spitzenpolitik wohl nicht schaden.

Nicht einmal die Hälfte der CDU-Anhänger will sie als Kanzlerin

Trotzdem funktioniert das Modell der Machtteilung bislang nicht so wirklich und das liegt vor allem an Kramp-Karrenbauer selbst. Spätestens seit den für ihre Partei enttäuschenden EU-Wahlkampf, indem sie statt Merkel die Marktplätze zu begeistern versuchte, mehrt sich in ihrer eigenen Partei die Kritik. Nicht nur ihr Umgang mit der Kritik von Youtoubern und Fridays-for-Future-Aktivisten wirkte unsouverän. Auch programmatisch blieben klare oder mitreißende Vorgaben der Vorsitzenden bislang aus. Das Ganze spiegelt sich in Kramp-Karrenbauers  persönlichen Kompetenzwerten wieder. Laut aktuellen Umfragen sind nur 22 Prozent der Befragten mit ihrer Arbeit zufrieden (bei Merkel sind es 54 Prozent), nicht einmal die Hälfte der CDU-Anhänger sähe Kramp-Karrenbauer gern als Kanzlerin. Um im FDP-Sprech zu bleiben: Ein hervorragendes Praktikumszeugnis sieht anders aus.

Diese Situation beschäftigt Kramp-Karrenbauer "stark", wie sie zuletzt in öffentlich einräumte. Und man merkt es ihr auch in dem Sommerinterview an, das sie an diesem Sonntag dem ZDF gegeben hat. Noch so eine Veranstaltung, auf die Merkel erstmals verzichtete und bestimmt nicht unglücklich darüber war. Kramp-Karrenbauer tritt an diesem Abend abwägend und vorsichtig auf. Ihre Sätze sind knapp. Sie vermeidet es, sich klar zu positionieren.

Konservative und Liberale irritiert

Vermutlich ist es eine bewusste Strategie der Parteichefin, derzeit nicht zu polarisieren, sondern möglichst integrierend und unanstößig rüberzukommen. Schließlich sind ihr in ihrer kurzen Amtszeit schon mehrere Sätze um die Ohren geflogen, mit mehreren mächtigen Gruppierungen der Union ist Kramp-Karrenbauer aneinandergeraten. Exemplarisch sei an die Flüchtlingspolitik und den Umgang mit der AfD erinnert: Anfangs war es Kramp-Karrenbauer ein zentrales Anliegen, die konservativen, zur AfD abgewanderten Anhänger anzusprechen und zurückzuholen. Darüber beschwerten sich bald die Liberalen in der Partei, die Kramp-Karrenbauer im Machtkampf mit Friedrich Merz unterstützt hatten. Auch die Wähler straften diesen Kurs ab: Bei der Europawahl verlor die Union weit mehr Wähler an die Grünen als an die AfD.

Darauf reagierte Kramp-Karrenbauer wiederum: Ihr Umfeld warnte plötzlich vor einem "Rechtsruck" der Union, sie selbst kündigte neue Konzepte in der Umweltpolitik an. Außerdem attackierte sie die AfD hart und kritisierte ostdeutsche Parteifreunde scharf, die über schwarz-blaue Koalitionen öffentlich nachdachten. Diese neue Tonalität störte aber nicht nur die ostdeutschen Wahlkämpfer, sondern auch den konservativen Parteiflügel. Deren Idol Merz meldete sich an diesem Wochenende mit der Forderung, "unaufgeregter" mit der AfD umzugehen.

Knifflige Gemengelage. Und was macht Kramp-Karrenbauer beim ZDF daraus? Nichts. Sie verzichtet auf ein Machtwort oder eine Richtungsvorgabe, im Gegenteil. Auf die Frage, ob die AfD nicht doch einen Bundestagsvizepräsidenten erhalten sollte, wie von Merz gefordert, sagt sie: "Am Ende" sei es eine Entscheidung, die "die Abgeordneten selbst treffen müssen".