Die Entscheidung von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer ins Kabinett zu wechseln und das Verteidigungsministerium zu übernehmen, stößt bei Teilen der Opposition auf Ablehnung. "Nachdem sie wochenlang einen Regierungseintritt ausgeschlossen hat, wird sie nun ausgerechnet Verteidigungsministerin", kritisierte etwa die Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP). Die CDU-Chefin beschädige so nicht nur ihre Glaubwürdigkeit. Kanzlerin und Union zeigten vielmehr erneut, "dass sie die Belange der Bundeswehr nicht im Geringsten interessieren. Sonst würden Sie die gebeutelte Bundeswehr nicht für Personalspielchen missbrauchen."

Ähnlich äußerte sich FDP-Vizefraktionschef Alexander Graf Lambsdorff. Mit dieser Personalentscheidung zeige Merkel ihre Geringschätzung für die Truppe. Die Berufung Kramp-Karrenbauers sei "eine Zumutung für die Truppe und für unsere Nato-Partner". Er kritisierte, dass Kramp-Karrenbauer keinerlei außen-, sicherheits- oder verteidigungspolitische Erfahrungen habe.

Korte: "Ministerien werden zu Verschiebebahnhöfen"

Auch von der Linken kam scharfe Kritik. "In der Union muss man offenbar mit dem Verteidigungsministerium und der Thematik niemals etwas zu tun gehabt haben, um Verteidigungsministerin zu werden. Die Ministerien werden zu Verschiebebahnhöfen, um die schrägen Personalprobleme der Union zu regeln", sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der Linksfraktion, Jan Korte.

Vorsichtiger äußerten sich die Grünen. Kramp-Karrenbaueur müsse nun das "angeknackste Verhältnis zur Truppe reparieren", sagte deren Sicherheitspolitiker Tobias Lindner der Passauer Neuen Presse. Pläne müssten nicht nur angekündigt, sondern auch umgesetzt werden.

Der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels (SPD) forderte Kramp-Karrenbauer ebenfalls zu schnellen Entscheidungen auf. "Die neue Ministerin sollte nicht erst wieder mit großen Analysen starten – alle Probleme sind bekannt", sagte Bartels dem Tagesspiegel. Er verwies auf Großprojekte wie die Suche nach einem Nachfolgemodell für das Kampfflugzeug Tornado sowie ein neues Luftabwehrsystem. Nach seiner Einschätzung wünsche sich die Bundeswehr jemanden als Minister, "der sich thematisch auskennt und nicht erst mühsam einarbeiten muss", betonte Bartels.

Unterstützung bekam Kramp-Karrenbauer dagegen von der Union. Die CDU-Chefin zeige mit der Übernahme des Verteidigungsministeriums  Führungsqualitäten, sagte Unionsfraktionsvorsitzender Ralph Brinkhaus im ZDF-Morgenmagazin. Zu dem als kompliziert geltenden Posten sagte Brinkhaus: "Leben ist immer Risiko."

Kramp-Karrenbauer habe die notwendigen Kompetenzen für das Amt der Verteidigungsministerin, sagte Brinkhaus unter Hinweis auf ihr Amt als CDU-Chefin, frühere Ministerpräsidentin und Innenministerin des Saarlandes. Kompetenzgerangel am Kabinettstisch zwischen der künftigen Verteidigungsministerin und CDU-Vorsitzenden Kramp-Karrenbauer und der Kanzlerin Angela Merkel erwartet Brinkhaus nicht: "An der Stelle sehe ich überhaupt kein Problem."

"Bundeswehr wird Chef(in)sache"

Der thüringische CDU-Vorsitzende Mike Mohring nannte den Wechsel von Kramp-Karrenbauer ins Verteidigungsministerium ein starkes Signal an die Truppe. "Für die Union ist die Bundeswehr nun Chef(in)sache.", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. "Ich war seit der Wahl von AKK der festen Überzeugung, dass die Parteivorsitzende der CDU dort hingehört, wo die Entscheidungen getroffen werden. Das ist der Kabinettstisch", betonte Mohring, der auch CDU-Präsidiumsmitglied ist. "Das ist die stärkste Lösung", lobte auch der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Markus Söder die Entscheidung. "Das gibt der Regierung neue Kraft." Der stellvertretende Unionsfraktionsvorsitzende Andreas Jung sprach in der Augsburger Allgemeinen von einer "mutigen Entscheidung". Er traue Kramp-Karrenbauer das Amt zu.

Auch der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jürgen Hardt, sagte ZEIT ONLINE: "Annegret Kramp-Karrenbauer hat die Intelligenz und Durchsetzungskraft, um diese schwierige Aufgabe gut zu meistern. Sie wird die Köpfe und Herzen der rund 250.000 Soldatinnen und Soldaten, zivilen Angehörigen und Reservisten der Bundeswehr gewinnen." Die Bundeswehr sei durch deutlichen Finanzzuwachs, neue Rüstungsprojekte und eine positive Personalentwicklung besser aufgestellt, als viele behaupten.

Innenstaatssekretär Marco Wanderwitz sagte ZEIT ONLINE, er sehe kein Problem in der Doppelrolle von Kramp-Karrenbauer als Parteivorsitzende und Verteidigungsministerin. "Auch frühere Vorsitzende sind schließlich nur im Ausnahmefall nur Vorsitzende gewesen." Auch um die Unabhängigkeit der Parteichefin fürchtet er nicht. Zwar sei Kramp-Karrenbauer künftig in die Kabinettsdisziplin eingebunden. "Jenseits der Themen, für die sie als Ministerin zuständig ist, kann sie aber nach wie vor eigenständige CDU-Positionen vertreten".

Kramp-Karrenbauer wird Nachfolgerin von Ursula von der Leyen, die das Europaparlament am Dienstag zur neuen EU-Kommissionspräsidentin gewählt hatte. Der Wechsel kommt überraschend, weil es immer geheißen hatte, die 56-Jährige wolle nicht ins Kabinett Merkels, sondern sich ganz auf die Aufgabe als CDU-Chefin konzentrieren. Die Ernennung von Kramp-Karrenbauer ist für diesen Mittwoch vorgesehen.