Dass Annegret Kramp-Karrenbauer vor vielen Baustellen stehen würde, als sie sich entschied, das Verteidigungsministerium zu übernehmen, war klar: das Segelschulschiff Gorch Fock, die Berater-Affäre, eine Krise in der Straße von Hormus. Die Bauarbeiten, mit denen sie am Tag ihrer Vereidigung als erstes konfrontiert wird, kommen dennoch ungelegen: Weil die Bundestagsverwaltung die parlamentarische Sommerpause dazu nutzt, den Reichstag zu renovieren – Teppich rausreißen, Induktionsschleifen für Hörgeschädigte erneuern – muss Kramp-Karrenbauer ihren Amtseid an einem ungewohnten Ort ablegen.

Im Paul-Löbe-Haus gleich neben dem Reichstag finden sonst Ausschusssitzungen statt, Abgeordnete haben hier ihre Büros. Für große Versammlungen ist das Foyer aus Stahl, Beton und Glas dagegen nicht ausgelegt. Die Klimaanlage hat Mühe gegen den Berliner Hochsommer anzukämpfen. Stahlträger, wie man sie von Konzertbühnen kennt, spannen sich über die Galerien, tragen Scheinwerfer und Mikrofone, Kabelstränge laufen über die Teppichböden. Kameraleute irren umher und wissen nicht, wo sie stehen müssen. Auch Journalisten, Parlamentarier, Tontechniker und Saaldiener – jeder sucht hier am Mittwochmittag noch seinen Platz. Die ganze Zeremonie wirkt wie ein hektisches Provisorium.

Das merkt auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, als er den Urlaub der Abgeordneten unterbricht und die Sitzung einläutet: "Mit Augenmaß und Kreativität werden wir auch an diesem Ort eine würdige Sitzung durchführen können".

Doch auch von dem unglamourösen Saal mal abgesehen, gibt es sicher bessere Starts in ein neues Ministeramt: Schon vor Beginn der Sondersitzung moserten Abgeordnete, vor allem der Oppositionsfraktionen. 709 Parlamentarier wurden aus der Sommerpause zurückbeordert – und das, obwohl es keine Wahl gibt, keine Abstimmung, nur einen kurzen Schwur, eine Viertelstunde Regierungserklärung, eine Stunde Aussprache, das war’s. Dafür extra aus dem Wahlkreis zurück nach Berlin, das hätte nun wirklich nicht sein müssen, finden sowohl Dietmar Bartsch, Fraktionschef der Linken, als auch sein Kollege Christian Lindner von der FDP. Man hätte mit dem Eid ruhig bis zur ersten regulären Sitzung nach dem Sommer warten können, so der Tenor. Tatsächlich haben einige Parlamentarier den Weg nicht gemacht, es klaffen größere Lücken in den Stuhlreihen des improvisierten Plenarsaals.

Das Wort einer Ministerin hat noch mehr Gewicht

Aber immerhin. Wenn sie auch eilig zusammengeschraubt wurde, so hat Kramp-Karrenbauer jetzt doch wenigstens die Bühne, die sie als CDU-Chefin bisher oft vergeblich gesucht hat. Das Wort eines Kabinettsmitglieds hat noch mal ein anderes Gewicht als das einer Parteichefin, die bisher Politik nur kommentieren, nicht wirklich gestalten konnte. Es war wohl diese Erkenntnis, die sie dazu bewogen hat, ihre bisherige Strategie zu überdenken. Noch Anfang des Monats hatte sie in einem Interview betont, sich ganz auf die Parteiarbeit konzentrieren zu wollen.

In ihrer ersten Regierungserklärung gleich nach dem Amtseid sagt Kramp-Karrenbauer nichts zu den Beweggründen für ihre Entscheidung. FDP-Chef Lindner lässt es sich aber natürlich nicht nehmen, sie mit dem vermeintlichen Wortbruch zu piesacken: "Sie haben ausgeschlossen, ins Kabinett zu gehen und es doch getan, das werden Sie Martin Schulz erklären müssen", sagt er. Schulz musste nach einer ähnlichen Volte sein Amt als SPD-Chef räumen.

Und sonst? Wie will Kramp-Karrenbauer die Affäre um die Vergabe von Beraterverträgen in ihrem neuen Haus lösen? Was soll aus dem schwimmenden Wrack werden, dessen Instandsetzung den Steuerzahler über Hundert Millionen Euro kosten wird? Und: Wird Deutschland Soldaten in den Persischen Golf schicken – so ließe sich zumindest die jüngste Bitte der Briten nach europäischem Beistand lesen. Zu all diesen Themen kommt von der neuen Ministerin: nichts Konkretes. Nur so viel: Deutschland sei ein verlässlicher Partner, die Welt ändere sich rasant, Frieden sei leider nicht selbstverständlich. 

Ein Gelöbnis vor dem Reichstag?

Deshalb bekräftigt sie erneut die Zielvorgabe der Nato-Staaten, zwei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für die Verteidigung auszugeben. Bis 2024 müsse zunächst eine Quote von 1,5 Prozent erreicht werden. "Es betrifft im Minimum auch unserem Bedarf." Das sei nicht der Wunsch von US-Präsident Donald Trump. "Es geht hier nicht um Wünsche von außen, es geht um Ausrüstung und Personal, es geht hier um unsere Bundeswehr", sagt sie.

Sie nutzt, wenig überraschend, die Gelegenheit, der Bundeswehr ausführlich zu danken, genau wie den zivilen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Auch die Familien der Soldatinnen und Soldaten trügen oftmals eine große Last. Und weil sie weiß, dass es der Bundeswehr nicht nur an Geld fehlt, sondern sich viele in der Truppe zu wenig wertgeschätzt fühlen, will sie die "Bundeswehr wieder sichtbarer machen". Heißt: Freies Bahnfahren in Uniform, sie habe außerdem alle Ministerpräsidenten angeschrieben, ob die nicht zum Geburtstag der Bundeswehr im Herbst öffentliche Gelöbnisse abhalten wollten. Auch eine feierliche Vereidigung vor dem Reichstag schwebe ihr vor. "Das wäre ein starkes Signal."

Es ist die Rede einer Frau, die spürt, welch großes Amt sie sich aufgelastet hat. Und von jemand, dem in letzter Zeit vieles misslungen ist: Erst mal auf Nummer sicher gehen, bloß keine Fehler machen. Der Druck auf die vermeintliche Kanzlerin der Reserve ist enorm. Noch ein paar Patzer und es wird richtig ungemütlich an der CDU-Spitze. Das Verteidigungsministerium ist für Kramp-Karrenbauer gewissermaßen ein Schritt in die Offensive, eine Strategie der Selbstverteidigung. Sicher nicht falsch ist daher auch ihr erstes kurzes Pressestatement als Ministerin vor der Tür des Paul-Löbe-Hauses zwischen neugierigen Berlin-Touristen: Sie habe viel über die Bundeswehr gehört, wolle jetzt aber erst mal in die Truppe reinhören – weshalb für Nachfragen auch keine Zeit bleibt. Der erste Besuch bei Feldwebelanwärtern in Celle steht an.