42,6 Grad Celsius in Lingen, Hitzerekord in Deutschland. Nie hat sich das Klima auf dem gesamten Planeten so schnell verändert wie im vergangen Jahrhundert. In den letzten zwei Jahrtausenden gab es keine Warm- oder Kalt-Epoche, die vergleichbar wäre mit dem aktuellen Temperaturanstieg – das zeigen zwei Studien, die Anfang der Woche durch die Medien gingen. Auch die altehrwürdige Leopoldina, sonst nicht gerade für Alarmismus bekannt, legte einen Appell an die Bundesregierung vor. Tenor: Die Zeit, die Klimakatastrophe aufzuhalten, wird langsam knapp.

Neu ist das alles nicht. Bald 50 Jahre ist es her, dass der Club of Rome mit dem Thema erstmals in die Weltöffentlichkeit drängte. Der Klimawandel ist hinlänglich belegt. Warum tut sich die Menschheit – von ergrünten Großstadtmilieus vielleicht mal abgesehen – dann so schwer, diese Erkenntnis zu akzeptieren und Konsequenzen daraus zu ziehen?

Die AfD schiebt die Schuld an der globalen Hitze der Sonne zu. Und Donald Trump nutzt Kälteeinbrüche in seinem Land gerne, um sich über den Klimawandel zu mokieren. Als beispielsweise im vergangenen Januar ein Blizzard über den Mittleren Westen der USA fegte, fragte der US-Präsident auf Twitter, was denn bitte angesichts eisiger Temperaturen mit dem Klimawandel los sei: "Globale Erwärmung, bitte komm schnell zurück, wir brauchen dich."

Die vierte narzisstische Kränkung des Menschen

Neu ist auch dieses beinahe pathologische Verdrängen von erdrückenden Evidenzen nicht. Schon Sigmund Freud beschäftigte sich vor 100 Jahren mit der Belehrungsresistenz unserer Spezies, und er führte sie nicht auf Unwissen zurück. Seine These war vielmehr: Manche Erkenntnisse seien derart markerschütternd, dass sie unser Selbstbild ins Wanken brächten – und deshalb lieber ignoriert oder rundheraus bekämpft würden. Die narzisstische Kränkung des Menschen, so nannte er das.

So sei das schon gelaufen, als Nikolaus Kopernikus herausfand, dass sich die Erde um die Sonne dreht – seinerzeit eine Ungeheuerlichkeit. Charles Darwin konfrontierte seine Zeitgenossen dann mit der Tatsache, dass der Mensch nicht Gottes Ebenbild ist, sondern ein hochentwickelter, haarloser Affe. Die dritte Kränkung des Menschen schließlich machte sich der Wiener Psychoanalytiker ganz unbescheiden selbst zu eigen: Die Erkenntnis nämlich, dass der Mensch nicht einmal Herr über sich selbst ist, dass da nämlich noch Es und Über-Ich unter unserem Bewusstsein schlummern, also eine ganze Menge Triebe und Affekte unser Handeln bestimmen.

Heutige Klimawissenschaftler und -Aktivisten wie Greta Thunberg haben so gesehen manches mit Kopernikus und Darwin gemein. Sie alle provozieren eine irrationale Ablehnung, die bei späteren Generationen für einiges Kopfschütteln sorgen wird. Die Klimakrise könnte also die vierte narzisstische Kränkung des Menschen sein: die unbequeme Wahrheit, dass seine Lebensweise auf Dauer die eigene Lebensgrundlage bedroht.

Es ist allerdings sehr viel schwieriger, mit der Klimakrise angemessen umzugehen, als mit den drei vorhergehenden Kränkungen. Kopernikus’ oder Darwins Mitmenschen konnten den Ergebnissen der Forscher zustimmen, ohne das eigene Leben im geringsten umzustellen. Wer aber die Erkenntnis des menschengemachten Klimawandels zulässt, kommt kaum umhin, sein Verhalten wenigstens verändern zu wollen. Und hier wird es kompliziert.

Klimawandel - Es ist schlimmer als bisher befürchtet Unser Planet heizt sich auf. Gletscher, Schnee und Dauerfrostböden tauen. Unser Video zeigt, wo Sie dem Klimawandel zuschauen können. © Foto: Zeit Online

Omas ökologischer Fußabdruck war besser

Vieles von dem, was die Mehrheitsgesellschaft in westlichen Industriestaaten – und längst nicht mehr nur hier – mit Fortschritt, mit einem guten, bequemen, reichen und sicheren Leben verbindet, hat eine ökologische Schattenseite. Könnte beispielsweise meine Großmutter, Jahrgang 1915, als Teenagerin mit einem Fernrohr durch die Zeit auf mein Leben heute blicken – ich müsste ihr sagenhaft reich erscheinen. Bei ihr kam einmal die Woche Fleisch auf den Teller, mehr war nicht drin. Der Sinn eines Veggie-Days hätte sich ihr sicher nicht erschlossen.

Statt der morgendlichen Dusche dampfte einmal die Woche der Zuber, den sich die Familie teilte. Neue Klamotten gab es nicht monatlich vom Zalando-Boten, und sie waren auch nicht in irgendeinem asiatischen Gift- und Ausbeuter-Betrieb zusammengenäht. Man kaufte Kleidung nur dann, wenn die abgetragenen Teile der großen Geschwister nicht mehr geflickt werden konnten. Autos hatten damals noch keinen Katalysator, aber es parkten auch nicht zwei bis drei vor jeder Garageneinfahrt. Und Fernreise bedeutete nicht acht Flugstunden in ein exotisches Land – oder wenigstens ein Flug nach Mallorca – sondern eine Fahrt mit dem Zug nach Tirol oder in den Schwarzwald.

Omas ökologischer Fußabdruck war, so ganz ohne Wildlachs-Bagel, Avocado- oder Açaí-Bowl, sicher besser als der jedes Kreuzberger Lastenradbesitzers. Nur nach heutigen Standards wäre meine Oma eben: bettelarm. Und zurück ins letzte Jahrtausend kann ja wirklich nie die Antwort sein auf Zukunftsfragen.

Kinder sollen es besser haben

Trotzdem ist es genau dieser Kern, den Zusammenhang zwischen dem heutigem Wohlstandsempfinden und dessen Zukunftshypothek, den Öko-Aktivisten berühren mit ihrer Radikalität. Selbst für jene, die sich für ökologisch bewusst halten, ist das in letzter Konsequenz schwer erträglich. Weshalb die Klimakrise auch nicht nur auf Klimawandel-Leugner wie Trump und die AfD zurückgeht, sondern auf die Angststarre vieler anderer.

Klar, jeder, der es mal probiert hat, weiß um die Befreiung, die darin liegen kann, fleischlos zu leben, oder den Zauber, morgens mit dem Rad zur Arbeit zu gleiten statt auf verstopften Straßen zu stehen. Aber das ändert mittelfristig nichts daran, dass wir, zumindest in den Wohlstandsgesellschaften des Westens, in einer materiell übersättigten Welt leben, aus der wir uns nur schwer verabschieden können – und die wir uns aber auf Dauer kaum mehr leisten können.

Meine Kinder und Enkel sollen es später besser haben: So haben viele unserer Großeltern einmal gedacht, mit Erfolg. Jetzt ist es an uns, an das gute Leben kommender Enkel und Urenkel zu denken. Und daraus folgt Klimaschutz, so unerträglich das auch wirken mag. Aber der Mensch hat sich ja auch schon früher auch an die schmerzlichsten Einsichten gewöhnt.