ZEIT ONLINE: Seit einer Woche können sich Interessenten um den SPD-Vorsitz bewerben. Bisher haben aber nur die eher unbekannten Politiker Michael Roth und Christina Kampmann offiziell Interesse angemeldet. Der Job des SPD-Chefs ist offenbar nicht mehr allzu attraktiv.

Lars Klingbeil: Das ist eine völlig falsche Analyse. Die Bewerbungsfrist hat jetzt begonnen. Viele Menschen reden miteinander, Teams finden sich. Vielleicht brauchen manche auch noch etwas Zeit, um zu entscheiden, ob er oder sie sich diesen wichtigen Job zutraut. Ob das in die persönliche Lebensplanung passt. Wir haben bewusst gesagt, es sollen echte Teams antreten. Die sollten nicht zusammengewürfelt sein, sondern sich vorher für eine gemeinsame Kandidatur entschieden haben. Ich finde gut, dass Christina Kampmann und Michael Roth antreten wollen. Meiner Meinung nach sind sie auch keine Unbekannten. Und ich bin mir sicher, es werden noch andere kommen. Für mich ist entscheidend, dass wir am 1. September, wenn die Frist abläuft, einen spannenden Wettbewerb haben. 

ZEIT ONLINE: Was macht Sie so sicher, dass noch andere Kandidaten-Teams kommen werden?

Klingbeil: Es mag nicht die einfachste Zeit sein, um die SPD zu führen. Aber der SPD-Vorsitz ist ein großartiger Job. Die SPD ist die älteste Partei, die es in Europa gibt, und sie blickt auf eine stolze Geschichte zurück. Wer an ihrer Spitze steht, kann auch in Zukunft – wie in keiner anderen Partei – für Fortschritt und Zusammenhalt in unserem Land sorgen.

ZEIT ONLINE: Wenn man bedenkt, wie mit den letzten Parteivorsitzenden umgegangen wurde – Frau Nahles wurde aus dem Job gejagt –, könnte man verstehen, dass die Lust gar nicht so ausgeprägt ist.

Klingbeil: Ich habe als Generalsekretär unter Martin Schulz und Andrea Nahles selbst gesehen, wie es ist, wenn die Unterstützung aus der Partei nicht so stark ist, wie sie sein sollte. Deswegen halte ich es für richtig, dass jetzt die Parteibasis mitentscheidet, wer künftig SPD-Chef wird. Das ist der Rückhalt, den man braucht, um die SPD in dieser nicht ganz einfachen Situation zu führen.

ZEIT ONLINE: Martin Schulz hatte ja eigentlich den Rückhalt der SPD: 100 Prozent haben auf dem Parteitag für ihn gestimmt. Typisch SPD: Erst hochjubeln, dann destabilisieren. Warum sollte sich das nun ändern?

Klingbeil: Dass jetzt zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit der oder die Vorsitzende wegen fehlender Rückendeckung aufgibt, hat mich total gefrustet: Im Europa-Wahlkampf haben wir gesehen, wie leidenschaftlich die Partei kämpft – und dann schlägt man die Zeitung auf und sieht, wie so mancher Stichwortgeber aus unserer Partei für negative Artikel sorgt. Da sagen viele, auch gerade die Jüngeren: Damit muss jetzt Schluss sein.

ZEIT ONLINE: Mal angenommen, es finden sich keine weiteren Kandidaten. Veranstalten Sie auch dann bis zu 30 Regionalkonferenzen, damit sich das Team vorstellen kann? Wenn es nur eines gibt?

Klingbeil: Es werden sich auf jeden Fall mehrere Bewerber, einzeln oder als Team, finden. Das Verfahren ist klar beschrieben: Auf den Regionalkonferenzen können sich die Kandidaten vorstellen. Und dann wird die Parteibasis gefragt.

ZEIT ONLINE: Haben Sie selbst schon entschieden, ob Sie kandidieren?

Klingbeil: Ich bekomme mit, dass viel spekuliert wird. Ich bekomme auch mit, dass mein Name das eine oder andere Mal zu lesen ist, was einen natürlich ehrt. Aber für mich gilt erst mal: Ich will das Verfahren auf den Weg bringen – und natürlich mache auch ich mir Gedanken. Aber alles zu seiner Zeit.

ZEIT ONLINE: Sie stammen aus dem einflussreichen Landesverband Niedersachsen. Wird Ihr Landesverband in jedem Fall einen Kandidaten aufstellen?

Klingbeil: Kann ich heute noch nicht sagen. Aber ich kriege ja mit, dass viele spannende Namen aus Niedersachsen gehandelt werden.

ZEIT ONLINE: Es heißt, dass Ministerpräsident Stephan Weil das erste Zugriffsrecht hat. Sollte er verzichten, wäre der Weg für Sie frei.

Klingbeil: Da wissen Sie mehr als ich.  

ZEIT ONLINE: Findet hinter den Kulissen derzeit eine Partnerbörse statt? Alle potenziellen Anwärter sind heimlich auf der Suche nach dem passenden Partner für eine Team-Kandidatur?

Klingbeil: Wenn ich mir Herrn Roth und Frau Kampmann anschaue: Die beiden kennen und schätzen sich seit Jahren. Da kommen Menschen zusammen, die eine gemeinsame Vorstellung haben, wie der weitere Weg der Partei aussehen soll. Am Ende werden die Leute merken, ob es taktische Teams sind – oder ob die Teams eine gemeinsame Überzeugung verbindet.  

ZEIT ONLINE: Taktisch klingt so negativ. Zu ähnlich sollte sich das Duo auch nicht sein, oder?

Klingbeil: Es können ja unterschiedliche Persönlichkeiten sein, die trotzdem eine gemeinsame Vorstellung haben, wie die Partei sich entwickeln sollte. Nehmen Sie Kevin Kühnert und mich. Da wir beiden nicht zusammen antreten könnten, kann ich dieses Beispiel gut nehmen. Wir beide sind rein von unseren aktuellen Positionen her sehr unterschiedlich. Aber ich habe festgestellt, dass es zwischen uns auch viele Überschneidungen gibt – gerade was die Frage angeht, wie man zeitgemäß kommuniziert, wie man sich digital aufstellt oder wie man Menschen erreicht. Da haben wir eine gemeinsame Vorstellung, wohin die SPD sich entwickeln soll.

"Wenn zwei ältere Männer sich zusammensetzen"

ZEIT ONLINE: Es gibt viele ältere Sozialdemokraten, Thomas Oppermann oder Gerhard Schröder, die sagen, Kühnert sei zu jung und unerfahren, um an die Spitze zu rücken. Sehen Sie das auch so? 

Klingbeil: Ich glaube, dass die Entscheidung, wer Parteivorsitzender wird, keine Altersfrage ist. Es geht um die Frage: Wer hat gute Ideen? Wer bringt frischen Wind mit? 

ZEIT ONLINE: Wird es unter den Kandidaten ein Pro-Groko-Lager geben und Kontrahenten, die für ein Weitermachen bis 2021 sind?

Klingbeil: Natürlich wird die Frage, wie es mit der großen Koalition weitergeht, eine Rolle spielen. Ich rate meiner Partei aber, den Wettbewerb um den SPD-Vorsitz nicht nur auf diese Frage zu verengen. Es muss einen Wettbewerb der Ideen geben. Es muss um künftige Inhalte gehen und um die Frage: Wohin soll sich unsere Partei entwickeln? Wie will man Mehrheiten gewinnen? Wenn wir es zu einer reinen Frage über die Zukunft der Koalition machen, dann nehmen wir uns eine große Chance, über die besten Konzepte für die Zukunft zu reden. 

ZEIT ONLINE: Vor dem Nahles-Rückzug stand der erfolglose EU-Wahlkampf. Als Generalsekretär tragen auch Sie dafür Verantwortung. Mit etwas Abstand: Was waren die Fehler?

Klingbeil: Einer der Fehler war, dass wir in der Diskussion um die Uploadfilter in der Ablehnung klarer hätten sein müssen. Hier hat man zu lange nicht gemerkt, was die Position der SPD ist. Außerdem hat das Thema Klima den ganzen Wahlkampf überlagert. Auch hier hat die SPD zu lange gebraucht, um die eigene Position klar zu machen. Zusammengefasst: Uns hat die Zuspitzung im Wahlkampf gefehlt.