Die Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete hat Europa aufgefordert, Migrantinnen und Migranten aus libyschen Flüchtlingslagern aufzunehmen. "Die, die in Libyen sind, müssen dort sofort raus in ein sicheres Land", sagte Rackete der Bild. "Wir hören von einer halben Million Menschen, die in den Händen von Schleppern sind oder in libyschen Flüchtlingslagern, die wir rausholen müssen." Ihnen müsse sofort bei einer sicheren Überfahrt nach Europa geholfen werden.

Die Kapitänin wies darauf hin, dass Deutschland und andere europäische Staaten durch den Kolonialismus eine "historische Verantwortung" an den Umständen in Afrika hätten. "Die heutigen Machtverhältnisse sind durch Europa bestimmt worden", sagte Rackete. Daher müssten die Menschen aufgenommen werden, die wegen der Machtverhältnisse oder auch der Klimasituation nicht mehr in ihren Ländern leben könnten. 

Geflüchtete ohne gültige Papiere werden in Libyen oft in Gefangenlager inhaftiert. Die Zustände in den Lagern bezeichnet das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) als verheerend. Es mangele an Toiletten, Duschen, Essen und Trinken. Das UNHCR und andere Hilfsorganisationen berichten außerdem von Misshandlungen. Hinzu kommen die Folgen des Bürgerkriegs in dem Land. Anfang Juli sind mindestens 40 Menschen bei einem Luftangriff auf ein Flüchtlingslager nahe der Hauptstadt Tripolis getötet wurden.

Für Migrantinnen und Migranten, die versuchen, auf der Mittelmeerroute nach Europa zu gelangen, ist Libyen ein wichtiges Transitland. Die Europäische Union sieht in dem Land einen wichtigen Kooperationspartner in der Migrationspolitik. 2017 hatte die EU mit der libyschen Regierung einen Deal abgeschlossen, demzufolge sie die libysche Küstenwache mit 46 Millionen Euro für Ausrüstung und Ausbildung unterstützt. Dafür soll die Küstenwache Schleuserboote mit Flüchtlingen aufgreifen und zurück an Land bringen. Anwälte für Menschenrechte haben deshalb die Europäische Union beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angezeigt. Auch das UN-Flüchtlingswerk hat die EU dazu aufgerufen, die Kooperation mit Libyen zu beenden und eine Rückführung von Geflüchteten in das Bürgerkriegsland zu verhindern.

Europa soll auch Klimaflüchtlinge aufnehmen

Carola Rackete forderte zudem, dass Europa auch Klimaflüchtlinge aufnehmen solle. "Der Zusammenbruch des Klimasystems sorgt für Klimaflüchtlinge, die wir natürlich aufnehmen müssen", sagte die Sea-Watch-Kapitänin. "Es wird in einigen Ländern Afrikas, verursacht durch industriereiche Länder in Europa, die Nahrungsgrundlage zerstört." Europa könne nicht mehr sagen, "dass wir die Menschen nicht wollen".

Rackete war Ende Juni auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa festgenommen worden, nachdem sie das Rettungsschiff Sea Watch 3 mit 40 geretteten Flüchtlingen an Bord trotz eines Verbots der italienischen Behörden in den Hafen gesteuert hatte. Inzwischen wurde die Kapitänin wieder freigelassen.