Ursula von der Leyen ist mit einer knappen Mehrheit und als erste Frau an die Spitze der EU-Kommission gewählt worden. Die Reaktionen auf diese Wahl fielen unterschiedlich aus.

Gratulationen gab es vor allem aus den eigenen Reihen. Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer wertete die Wahl als einen "historischen Tag für unser Europa". Von der Leyen sei die erste Frau an der Spitze der EU-Kommission und die erste Deutsche seit mehr als 50 Jahren. Zudem hob Kramp-Karrenbauer hervor, dass die ehemalige Bundesverteidigungsministerin aus der politischen Mitte komme. Sie baue Brücken und streite für die Einheit Europas. "Wir werden ihre proeuropäische Agenda nach Kräften unterstützen," sagte Kramp-Karrenbauer.

Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte die Wahl von der Leyens ebenfalls. "Auch wenn ich heute eine langjährige Ministerin verliere, gewinne ich eine neue Partnerin in Brüssel. Daher freue ich mich auf eine gute Zusammenarbeit", sagte Merkel. Von der Leyen sei eine "überzeugte und überzeugende Europäerin". Die Kanzlerin erwarte: "Sie wird nun mit großem Elan die Herausforderungen angehen, vor denen wir als Europäische Union stehen. Das hat sie in ihrer heutigen Rede im Europäischen Parlament sehr deutlich gemacht." 

"Sie hat es auf den letzten Metern selbst herausgerissen"

Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder lobte von der Leyens Rede vor dem Parlament und sagte, sie habe Eindruck hinterlassen. "Gratulation an Ursula von der Leyen. Sie hat es auf den letzten Metern selbst herausgerissen mit einer sehr überzeugenden europäischen Rede", sagte Söder. Die Wahl sei sehr gut für Europa und "ein toller Erfolg für Deutschland". Er traue von der Leyen zu, Europa in schwierigen Zeiten gestalten und bewegen zu können.

Mit einem Seitenhieb auf die SPD, die zuvor ankündigt hatte, von der Leyen nicht zu wählen, fügte Söder hinzu: Für die deutschen Sozialdemokraten sei das Ergebnis "total blamabel": "Wir müssen aus dem deutschen Denken heraus, aus diesen deutschen Baukästen heraus. Wenn jemand von uns kandidiert, und zwar auch wirklich jemand, der Erfahrung hat, der die EU mitführen kann, dann sollte man sich auch hinter die eigenen Leute stellen. So haben andere es herausgerissen", sagte Söder.

Zurückhaltendes Lob von der SPD

Die Sozialdemokraten gratulierten von der Leyen zum Wahlsieg und boten der künftigen EU-Kommissionspräsidentin eine konstruktive Zusammenarbeit an. Der stellvertretende SPD-Vorsitzende und Bundesfinanzminister Olaf Scholz erklärte: "Die Herausforderungen unserer Zeit können wir nur als geeintes, souveränes und solidarisches Europa lösen." Deshalb sei es gut, dass die künftige Kommissionspräsidentin "zentrale Vorhaben aufgegriffen" habe – wie etwa das Eurozonenbudget, eine faire Besteuerung von Unternehmen, die Arbeitslosenrückversicherung und eine starke Klimapolitik.

Ebenso meinte Außenminister Heiko Maas (SPD), von der Leyen habe in ihrer Rede für eine vereinte und starke EU geworben, an der man nun gemeinsam arbeiten wolle. "Es war wichtig, dass sie heute ein klares Bekenntnis zu Rechtsstaatlichkeit und zu einem sozialen, solidarischen und souveränen Europa abgegeben hat", fügte Maas hinzu. Es sei nun Zeit, "den Blick nach vorne zu richten", denn "die Welt wartet nicht auf Europa", mahnte der SPD-Politiker.

Allerdings betonte der SPD-Fraktionsvize Achim Post im Hinblick auf das knappe Ergebnis, dass von der Leyen noch viel Arbeit vor sich habe, "um aus einer hauchdünnen Mehrheit im Parlament ein tragfähiges politisches Fundament für die nächsten Jahre zu formen". Es gäbe in Europa mehr als genug zu tun, "beim sozialen Zusammenhalt, beim Klimaschutz, bei Investitionen in Bildung, Forschung und Infrastruktur, bei der Besteuerung multinationaler Konzerne und nicht zuletzt beim Engagement für Frieden und Abrüstung", sagte Post.

Grüne kritisieren: Sieg mit Stimmen der "Antieuropäer"

Auch der Grünenpolitiker Sven Giegold sagte über das Abstimmungsergebnis: "Das war haarscharf." Kritisch merkte er an, die designierte EU-Chefin habe nur dank der Stimmen der "Antieuropäer" gewonnen. Er selbst habe von der Leyen nicht gewählt. "Grüne Stimmen gibt es nur für grüne Inhalte", sagte er.

Die Vorsitzende der Grünenfraktion im Europäischen Parlament Ska Keller sagte dazu: "Wir Grünen wurden für eine Agenda des Wandels gewählt und haben von Ursula von der Leyen nicht genug zu unseren Kernforderungen, insbesondere keine konkreten Antworten auf die Klimakrise, gehört." Sie falle mit einem CO2-Reduktionsziel von 50 Prozent bis zum Jahr 2030 hinter die Position des Europäischen Parlaments zurück.

Die beiden Vorsitzenden der deutschen Grünen, Annalena Baerbock und Robert Habeck, erklärten, dass man jetzt allerdings konstruktiv dazu beitragen wolle, "die EU in Richtung einer vertieften europäischen Demokratie, echtem Klimaschutz und einer gemeinsamen europäischen Asylpolitik weiterzuentwickeln".

Freude bei Vorgänger Jean-Claude Juncker

Der amtierende Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker äußerte sich erfreut über die Wahl seiner Nachfolgerin. "Endlich steht die erste Frau an der Spitze der EU-Kommission", schrieb er auf Twitter. "Der Job ist eine enorme Verantwortung und eine Herausforderung." Er sei überzeugt, dass von der Leyen eine gute Präsidentin werde.

Derweilen erhofft sich der Chef der konservativen ÖVP in Österreich Sebastian Kurz von Ursula von der Leyen eine starke Führungsrolle in der EU. Die Bürger hätten zahlreiche Sorgen, twitterte Kurz. Dazu gehörten der Klimawandel, die Herausforderungen durch die Migration, die Wettbewerbsfähigkeit der EU und auch die Frage, welche politischen Bereiche künftig eher durch die Nationalstaaten als durch Brüssel geregelt werden sollten.

Der Generalsekretär der Nato Jens Stoltenberg hob von der Leyens Erfahrung als Verteidigungsministerin hervor: "Ihr tiefgreifendes Wissen über die Nato wird uns gute Dienste leisten, und wir werden die Zusammenarbeit zwischen Europa und Nordamerika weiter stärken."

Die Wirtschaft will Europa wettbewerbsfähig sehen

Die Vertreter der deutschen Wirtschaft haben von der Leyen aufgefordert, die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu stärken. Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie Joachim Lang sagte: "Die Industrie erwartet von der neuen Kommissionspräsidentin, sich für ein wirtschaftlich stärkeres Europa einzusetzen." Die EU brauche eine zukunftsgerichtete Industriestrategie. Es gehe darum, unsere industrielle Basis zu stärken, um Wachstum und Wohlstand dauerhaft zu sichern. 

Auch der Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer sagte, die neue EU-Kommissionspräsidentin müsse in den kommenden fünf Jahren ein starkes Europa formen. "Die Wettbewerbsfähigkeit muss im Vordergrund stehen, nicht neue europäische Regulierungen."