Wie seine Parteifreunde will auch Urban nicht riskieren, die hohen Umfragewerte durch Fehler im Wahlkampf zu gefährden: In Brandenburg liegt die AfD in Umfragen gleichauf mit der regierenden SPD, in Sachsen auf Platz zwei hinter der CDU.

Um keine Wähler zu verschrecken, gilt es, die Partei in einer Art Schwebezustand zu halten zwischen Protest- und Gestaltungspartei. AfD-Chef Meuthen sagt im Wahlkampf nicht, die AfD wolle mitregieren. Er sagt "Verantwortung übernehmen", was weniger konkret klingt.  Viele wählen die AfD als Partei des Aufbegehrens gegen die Politik der CDU. Gegen Kanzlerin Angela Merkel und ihre Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer an der Spitze, die Meuthen anhand ihres Kürzels AKK als "Angelas kleine Kopie" verhöhnt. 

"Das Bekenntnis zur Verantwortung ist ohne Risiko", sagt die Hamburger Politikwissenschaftlerin Christine Landfried. "Die AfD weiß ja, dass sie keine Regierungsverantwortung übernehmen wird." Denn keine andere Partei will die Rechtspopulisten als Koalitionspartner. "So kann der Wähler den Traum von der Macht weiterträumen." 

Die AfD kultiviert ihren Opfermythos

Den wenigsten Hörern von Weidels Wahlkampfreden dürfte ein weiterer Widerspruch auffallen: Lächelnd täuscht sie am Rednerpult ihre Anhänger über den fehlenden Einfluss ihrer Partei hinweg. "Zum ersten Mal seit 1989 habt ihr die Möglichkeit, die Zukunft zu bestimmen", verspricht sie in Oranienburg. Dabei steht die AfD bereits seit 2014 zur Wahl. Die Partei, deren Wortführer sonst so gern über die angeblichen "Altparteien" herziehen, ist selbst in die Jahre gekommen. Weidel unterschlägt, dass nur Regierungsparteien Gesetze machen können.

Und selbst, wenn die AfD Verantwortung übernähme: "Eine mitregierende AfD würde zu einer krassen Enttäuschung führen bei den Wählern", sagt der Mainzer Politologe Jürgen W. Falter. Weil die Partei in einer Koalition eben nur einen Bruchteil ihrer Politik durchsetzen könnte und Kompromisse schließen müsste.

Am Ende bleibt der AfD ihre Rolle als Märtyrerin: Wie im Bundestag, wo die anderen Fraktionen ihr die Wahl eines Bundestagsvizepräsidenten verweigern, wie in den Landtagen, wo die anderen Parteien die Gesetzesvorlagen der AfD durchfallen lassen. Die Vorschläge der AfD für ein Landespflegegeld, für ein Kinderbegrüßungsgeld – "alles abgelehnt", ruft Brandenburgs Spitzenkandidat Kalbitz auf dem Platz vor dem Oranienburger Schloss.    

So arbeitet die AfD kontinuierlich am Opfermythos: "Meinungsfreiheit – 30 Jahre nach der Wende?" steht auf dem Plakat, das an Kalbitz' Rednerpult angeklebt ist. Eine suggestive Frage, die unterstellt, es stehe mit der Meinungsfreiheit nicht zum Besten. Was jedoch im selben Moment widerlegt wird: Wenn keine Meinungsfreiheit herrschte, so wie in der DDR, dürften Weidel, Meuthen und Kalbitz hier womöglich gar nicht ungestraft sprechen. Und dann dürften auch die Neonazis ihr Bier nicht hier bei der AfD trinken: Der tätowierte Mann im Achselhemd und dem Signet der Rechtsrock-Band Skrewdriver auf der Gürtelschnalle. Oder der andere am Getränkestand mit einem Deutsche Jungs-Fan-Shirt der Neonazi-Band Kategorie C.

An der Schlossfassade hat die Stadtverwaltung ein Großplakat aufspannen lassen: "Nie wieder" steht da in großen Lettern – der Slogan von 1945, nach dem Ende des Hitlerfaschismus. Daneben ein Zitat von Anne Frank.