Nicht jeder im sächsischen CDU-Landesverband ist begeistert von dem Gast, den sich Matthias Rößler am Donnerstagabend in seinen Wahlkreis eingeladen hat. Zu heikel, zu umstritten. Rößler weiß von solchen Bedenken in der eigenen Partei, doch darauf angesprochen zuckt er mit den Schultern. "Das ist mir egal." Für ihn ist Hans-Georg Maaßen, der ehemalige Verfassungsschutzchef, ein Coup.

Matthias Rößler ist nicht irgendwer in der CDU, er hatte in seiner langen Parteikarriere schon etliche hohe Ämter, derzeit ist er Landtagspräsident. Außerdem ist der 64-Jährige ein Vertreter des erzkonservativen Flügels seiner Partei, nicht Mitglied, aber eng verbunden mit der Werteunion. Maaßen, prominentes Mitglied der rechtskonservativen Werteunion, soll Rößler im Wahlkampf helfen. Offiziell schließt Rößler, wie die sächsische Union, eine Koalition mit der AfD aus. Doch da sind noch die Wähler und ihre Vorlieben: Der Abend mit Maaßen ist auch dazu da, Menschen zu binden, die irgendwo zwischen AfD und CDU schweben – aber bei der kommenden Landtagswahl dann hoffentlich doch ihr Kreuz bei der Union machen.

Das Spektrum solcher Grenzgänger ist in Sachsen groß. Das sieht man auch in Radebeul. Etwa 300 Menschen, meist ältere, mehr Männer als Frauen, drängeln sich im Festsaal eines Hotels, beste Lage auf einem schicken Dorfanger. Die Gegend, nur ein paar Kilometer von Dresden entfernt, ist wohlhabend, ein Tourismus-Hotspot mit Elbwiesen und Weinhängen. Kein Großstadt-Brennpunkt, die Kriminalitätsraten sind niedrig hier. Doch "Sicherheit, der starke Staat", das seien wichtige Themen im CDU-Wahlkampf, davon ist Matthias Rößler überzeugt. Sechsmal hat er schon seinen Wahlkreis gewonnen. Das soll wieder klappen. Nur: Der Kampf ist härter als je zuvor. Auch deshalb hat er sich Maaßen geholt. Sein Gast will über Sicherheitsthemen reden. In den nächsten Tagen wird er das noch für zwei weitere sächsische CDU-Abgeordnete tun.

"Die Sicherheitslage hat sich verschärft"

Maaßen spricht frei, ohne Manuskript. Zunächst über sich selbst: "Sie haben bestimmt schon viel über mich gelesen und gehört." Er spielt auch auf die Vorfälle in Chemnitz vor einem Jahr an, ohne ausführlich davon zu erzählen. Maaßen hatte damals bezweifelt, dass es bei den rechten Demonstrationen "Hetzjagden" auf Migranten gegeben hatte. Es gab Kontroversen darüber. Kurz darauf wurde er als Geheimdienstchef in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Dass er mit alldem noch nicht abgeschlossen hat, hört man auch in Radebeul durch. Er wolle hier "keine Vergangenheitsbewältigung betreiben", erklärt er. Und stichelt dann doch: "Wenn schon ein Beamter wie ich mit vier Sätzen eine Staatskrise auslösen kann, dann muss was mit dem Staat nicht richtig sein." Dafür gibt es den ersten Applaus.

In seinem halbstündigen Impulsreferat skizziert der 56-Jährige, was er zuletzt auch in Interviews und Tweets verbreitet hat. Sein Weltbild: düster. Deutschland: in Gefahr. Seine größte Sorge: Migration. "Ich stehe der Ausländerpolitik ausgesprochen skeptisch gegenüber, das ist sicher kein Geheimnis in diesem Raum", sagt Maaßen. Die Zahlen der Einwanderer müsse gesenkt werden, sonst drohe eine weitere Spaltung der Gesellschaft. Abgelehnte Asylbewerber müssten konsequent abgeschoben werden. "Die Sicherheitslage hat sich verschärft."

Maaßen hat keine Mühe, das Publikum zu gewinnen

Ausführlich spricht Maaßen über "islamistische Gefährder" und "radikalisierte Migranten". Junge Syrer seien gekommen, "die mit einer Kalaschnikow besser umgehen können als so mancher Polizist hier in Sachsen". Danach erwähnt er die Gefahren durch Rechtsextremismus. Es gebe Täterprofile, die vorher nicht aufgefallen seien, Menschen aus der bürgerlichen Mitte, die sich radikalisiert hätten. Es sei zu verurteilen und mache ihm Sorgen, "wenn Familienväter Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte durchführen, aus Wut, aus Hass, aus Zorn. Oder aus der Sorge, dass eine Asylunterkunft in der Nachbarschaft dazu führt, dass die eigenen Kinder belästigt werden."

Die Zahl der Extremisten steigt in Sachsen. Die Statistiken für den Freistaat hat der sächsische Verfassungsschutz für das Jahr 2018 unlängst veröffentlicht. Als größte Gefahr werden Rechtsextremisten bewertet, deren Zahl auf etwa 2.800 gestiegen ist, der höchste Stand seit Jahren. An zweiter Stelle werden etwa 780 Linksextremisten geführt. Als Islamisten gelten etwa 430 Personen. Diese Zahlen erwähnt Maaßen an diesem Abend nicht. Seine Schwerpunkte sind vor allem Migranten. In seiner Darstellung ist von ihnen das Schlimmste zu erwarten.