Nur 24 Plakate hat Paul Löser in Sebnitz verteilt. Aber er weiß genau, welche Laternenmasten die besten sind. An diesem Morgen hat der 18-Jährige noch zwei freie Plätze am Marktplatz erwischt. Gute Lage, die Leute, die zum Gemüsestand und zum Bäcker wollen, müssen direkt daran vorbei. Später will er noch raus in die Dörfer der Sächsischen Schweiz fahren, um für die Landtagswahl am 1. September zu werben: "Die Leute sollen wissen, dass wir auch hier sind."

"Wir", das ist eigentlich erst mal nur: Paul Löser, ein schlaksiger junger Mann. Der 18-Jährige ist das einzige Grünen-Mitglied, das Sebnitz derzeit zu bieten hat. Im Februar ist Löser in die Partei eingetreten, nach längerer Sympathie. Der finale Impuls sei die Fridays-for-Future-Bewegung gewesen. "Das hat auch mich mobilisiert. Umwelthemen, der Klimawandel, all das beschäftigt mich."

Noch ist Löser in der 9.000-Einwohner-Stadt kurz vor der tschechischen Grenze ein Einzelkämpfer. Hier in der ostdeutschen Provinz hat die AfD im Mai bei der Europawahl 36 Prozent und bei der Kommunalwahl 21 Prozent der Stimmen geholt, die Grünen beide Male fünf Prozent. Man könnte Paul Löser in Sebnitz also auf verlorenem Posten sehen.  

Nicht alle in der AfD hält er für rechtsextrem

Er fühlt sich als Pionier. Als kleines Rädchen beim Grünen-Aufschwung, der seit einer Weile auch Ostdeutschland erfasst. Sein Kreisverband Sächsische Schweiz/Osterzgebirge hat aktuell 81 Mitglieder – immer noch keine Massen, aber allein in den vergangenen Monaten sind eine Handvoll dazugekommen. Dabei waren die neuen Bundesländer, auch Sachsen, viele Jahre lang schwieriges bis unmögliches Terrain für die Partei. Bei den letzten Wahlen schafften sie es nur knapp über die Fünfprozenthürde.

Inzwischen haben die Grünen in Sachsen circa 2.300 Mitglieder – fast doppelt so viele wie zur letzten Landtagswahl 2014. Zum Vergleich: Die sächsische AfD, die in dieser Zeit ebenfalls stark gewachsen ist, hat aktuell etwa 3.000 Mitglieder – nach eigenen Angaben inklusive Fördermitglieder und noch nicht endgültig bearbeiteter Anträge. Bei der Kommunal- und Europawahl im Mai haben die Grünen in vielen ostdeutschen Städten im Vergleich zu früher hohe Ergebnisse erzielt, in den Räten vieler ländlicher Gemeinden mehr Sitze gewonnen. Umfragen für die kommenden Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen sehen die Partei bei 11 bis 15 Prozent.

Paul Löser liebt seine sächsische Heimatstadt. Obwohl Sebnitz ein zwiespältiges Bild abgibt. Einerseits: Hübsche Altstadtfassaden, etliche Läden, ein bisschen Kultur, eine bekannte Kunstblumenmanufaktur. Aber vieles fehlt eben auch. Man sieht immer mehr ausgeräumte Schaufenster, Leerstand, Tristesse. Die Älteren dominieren, zu viele Junge ziehen weg. Auch Paul Löser hat sich gerade 50 Kilometer entfernt, an der Dresdner Uni immatrikuliert, für Lehramt Mathe und Gemeinschaftskunde.

Trotzdem will er regelmäßig zurück nach Hause kommen. Muss er auch, denn bei den Kommunalwahlen im Mai wurde er mit knapp 900 Stimmen in den Sebnitzer Stadtrat gewählt. Dort ist er mit Abstand der Jüngste. Und eher eine Ausnahme mit seinen Positionen. Die Fraktionen von CDU und AfD sind am größten. "Ich habe kein Verständnis für die AfD", sagt er. "Aber ich halte nicht alle aus der Partei für rechtsextrem. Ich erlebe oft auch eher wertkonservative Mitglieder, die irgendwann genug von der CDU hatten." Im Stadtrat will er deutlich machen, dass es auch andere politische Ansichten gibt. Eines seiner ersten Ziele: etwas für die Jugend tun, neue Anlaufstellen schaffen, vielleicht so etwas wie einen Club.