Irgendwann gab es vor Paul Löser schon mal ein Parteimitglied in Sebnitz. Hat er jedenfalls gehört. "Aber der ist schon vor langer Zeit weggezogen, ich kenne ihn gar nicht mehr." In letzter Zeit merkt der Grüne, dass sich mehr Leute für die Partei-Agenda interessieren. Er erzählt von Problemen, die er vor der eigenen Haustür mitbekommt: Von Borkenkäfern, die in den Wäldern immer mehr Schaden anrichten. Von Landwirten, die wegen der Trockenheit um ihre Ernten bangen. Löser hat auch schon zwei Fridays-for-Future-Kundgebungen organisiert. Bei der ersten standen 150 Schüler mit Plakaten auf dem Marktplatz – eine kleine Sensation in Sebnitz. Demnächst will er einen Grünen-Ortsverband gründen. "Ich habe ein paar potenzielle Neumitglieder im Auge, damit ich bald nicht mehr der Einzige bin."

In seiner Familie ist er ebenfalls der erste Grüne. Sein Vater ist Maurer, die Mutter Verkäuferin, einfache Verhältnisse. Durch seinen Vater, einen Naturschützer, habe er sich schon früh für Umweltthemen interessiert. Die Familie unterstütze ihn, doch den Weg in die Partei habe er sich allein erschlossen. In vielen Dingen ist Löser ein typischer Grüner: Er verzichtet, wo es geht, auf Plastik, ist Vegetarier, am liebsten würde er so wenig wie möglich Auto fahren. Doch auf dem Land ist das kompliziert. Plakattouren mit dem Überlandbus? "Da wäre ich ja in einer Woche noch nicht fertig." Grün sein, das fällt hier draußen ein bisschen anders aus – pragmatischer.

"Wer Sachsen sagt, muss auch Sächsinnen sagen" – das ist ein Plakatspruch der aktuellen Grünen-Wahlkampagne in Sachsen. Es ist nicht Paul Lösers Lieblingsmotiv. Gendergerechte Sprache, grundsätzlich sei er ja dafür. "Aber das interessiert erst mal nicht so viele Leute bei uns. Andere Themen sind wichtiger." Zum Beispiel, dass die Region nicht abgehängt wird.

"Katja aus dem Plattenbau und Wolfram von der Montagsdemo!"

Das Sächsinnen-Plakat gefällt wiederum Katja Meier besonders gut. Sie ist Spitzenkandidatin der Grünen für die Landtagswahl in Sachsen. Seit vier Jahren sitzt sie als Abgeordnete im Landtag, ihre Schwerpunkte: Verkehrspolitik und Gleichstellung. Sie ist in Zwickau geboren, aber wie viele Ostdeutsche in jungen Jahren erst einmal nach Westdeutschland gegangen, zum Politik-Studium. Dort trat sie 2005 den Grünen bei und arbeitete aktiv mit, bevor sie fünf Jahren später zurück nach Sachsen, zu ihren Wurzeln wollte.

Der Ost-West-Mix in ihrem Lebenslauf hat Meiers Positionen beeinflusst. Frauenpolitik werde in beiden Teilen des Landes anders diskutiert, findet sie. "In Ostdeutschland – ich versuche mal, es diplomatisch auszudrücken – wird Gleichberechtigung oft einfach gemacht. Aber mir hat auch geholfen, im Westen den intellektuellen Unterbau zu bekommen. Zu verstehen, warum die Sichtbarkeit von Frauen in der Sprache wichtig ist."

An diesem Nachmittag ist die 39-Jährige im Wahlkampf in der Dresdner-Neustadt unterwegs, ein Stadtviertel mit viel Grünen-Klientel. Meier will sich anschauen, wo noch Carsharing-Stationen fehlen. Sie spricht schnell, gestikuliert energisch. Zusammen mit dem Leipziger Wolfram Günther wurde Meier im Frühjahr ins Spitzenkandidatenteam für die Landtagswahl gewählt, beide bekamen von den Delegierten eine große Mehrheit. Auch Robert Habeck war auf dem Parteitag und kommentierte das Ergebnis überschwänglich: "Katja aus dem Plattenbau und Wolfram von der Montagsdemo!" So sieht es der Parteichef aus Westdeutschland. Ein kleines bisschen sei sie zuerst zusammengezuckt bei diesen Worten, gesteht Katja Meier. "Aber es stimmt, das ist meine Geschichte. Ich kann damit absolut etwas anfangen."

Aufgewachsen ist Katja Meier in einem Zwickauer Plattenbau, damals kleinbürgerlicher DDR-Luxus. Die Mutter hat in einer Gardinenfabrik gearbeitet, der Vater als Ingenieur, eine Mittelschichtsbiografie, "kein Bildungsbürgertum". Früher hat sie in einer Punkband gespielt, als einzige Frau unter Männern, "aber als Bassistin war ich die, die den Takt angibt". Dann kam die Parteiarbeit. 2014 hat Meier den ersten sächsischen Wahlkampf mitgemacht und die Zitterpartie um die Fünfprozenthürde selbst erlebt.