Franziska Giffey will also nicht. Die Bundesfamilienministerin habe ihrer Partei mitgeteilt, dass sie nicht für den SPD-Vorsitz kandidieren wolle, sagte die kommissarische SPD-Vorsitzende Malu Dreyer am Donnerstag. Der Grund: die Plagiatsvorwürfe, mit denen Giffey sich konfrontiert sieht. Derzeit prüft die Freie Universität Berlin, ob sie ihren Doktortitel behalten kann. Noch ist offen, wann eine Entscheidung getroffen wird und wie sie ausfällt. Sie wolle nicht, dass das Verfahren die Neuaufstellung der SPD belaste, so Giffey. Sollte ihr ihre Promotion aberkannt werden, wolle sie auch als Familienministerin zurücktreten.

Für die SPD ist das ein schwerer Schlag. Giffey ist eine der wenigen Hoffnungsträgerinnen, die die Partei noch hat. Die ehemalige Bürgermeisterin des Berliner Problembezirks Neukölln hat sich überraschend schnell in ihr Amt als Familienministerin eingearbeitet. Und sie hat es zu nutzen gewusst: Mehr Geld für die Verbesserung der Qualität von Kitas, mehr Geld für Familien, insbesondere für ärmere – Giffey hat in der großen Koalition trotz aller Krisen eine ganze Menge ursozialdemokratischer Politik umgesetzt. Und sie tat es so, dass man es auch mitbekam.

Über ihre Masche, Gesetze mit wohlklingenden Namen wie Gute-Kita- oder Starke-Familien-Gesetz zu versehen, wurde zwar viel gelästert. Doch mittlerweile wird das von Amtskollegen wie Horst Seehofer (Geordnete-Rückkehr-Gesetz) oder Hubertus Heil (Arbeit-von-morgen-Gesetz) eifrig kopiert. Steckt dahinter doch zumindest der richtige Ansatz, so zu reden, dass die Menschen es auch verstehen. Aber nicht nur das, Giffey bringt noch etwas anderes mit, das die SPD dringend braucht: Realitätssinn auf der einen Seite, unerschütterlichen Optimismus auf der anderen. Und die Welt, für die sie Politik macht, ist nicht die der gut verdienenden Großstadtintellektuellen, sondern die von Menschen mit mittlerem und kleinem Einkommen und im Zweifelsfall ohne Hochschulabschluss.

Pragmatisch, vernünftig, lösungsorientiert

Giffey verkörpert auf diese Weise eine Art Markenkern der SPD, der angesichts der aktuellen Auflösungserscheinungen in der Partei in Gefahr zu geraten droht: Sie ist pragmatisch, vernünftig, lösungsorientiert. Mal eben so Enteignungen fordern, wie das zuletzt Juso-Chef Kevin Kühnert tat, ist nicht ihr Ding. Darüber hinaus kommt sie bei den Leuten mit ihrer freundlichen, zugewandten Art auch noch gut an. Sie wäre eine gute Kandidatin für den SPD-Vorsitz gewesen.

Wenn sie jetzt auf diese Chance verzichtet, bloß weil eine Aberkennung ihrer Promotion theoretisch möglich ist, räumt sie den Plagiatsjägern zu viel Macht ein. Ob jemand eine gute Politikerin oder ein guter Politiker ist, hängt nicht am Doktortitel. Vor Jahren schlampig wissenschaftlich gearbeitet? Ja, das ist peinlich. Begründet die Universität den Entzug sogar damit, dass vorsätzlich betrogen wurde, ist es ein schwerwiegender Fehler. Man muss sich dafür entschuldigen und der Titel ist dann weg.

Aber von einem Ministeramt zurücktreten, auf einen Parteivorsitz verzichten muss man deswegen nicht zwangsläufig. Das mag anders sein, wenn man wie Annette Schavan Wissenschaftsministerin ist oder wie Karl-Theodor zu Guttenberg sehr arrogant auf die Vorwürfe reagiert. Ist das nicht der Fall, muss eine aberkannte Promotion jedoch nicht das Ende der politischen Karriere sein. Die Öffentlichkeit sollte wieder lernen, dass man auch Politikern und Politikerinnen Fehler vergeben kann, wenn sie diese aufrichtig bedauern und wenn sie nicht zu eng mit dem politischen Amt verbunden sind. Es gibt einfach zu wenige politische Talente für so viel moralischen Rigorismus.