Annalena Baerbock kennt auch andere Zeiten. Als sie 2009 Vorsitzende der Grünen in Brandenburg wurde, reichte für einen Wahlkampftermin oft ein Hinterzimmer. In der vergangenen Woche ist der Ballsaal des Landhotels Diana in Teltow dagegen dicht besetzt. Rund 200 Menschen sind gekommen, um mit der Grünenvorsitzenden über so sperrige Themen wie CO2-Steuer, Elektromobilität und Breitbandausbau zu diskutieren oder um einfach mal zu sehen, wie die Frau, die viele mittlerweile aus dem Fernsehen kennen, eigentlich in Wirklichkeit ist.

Baerbock ist die prominenteste Grüne, die der brandenburgische Landesverband vor der Wahl am 1. September in seinen Reihen hat. Schließlich ist die 38-Jährige seit anderthalb Jahren Chefin der Bundespartei. Die gebürtige Niedersächsin lebt außerdem schon lange in der Landeshauptstadt Potsdam. Während ihr Co-Vorsitzender Robert Habeck sich dem Osten vorsichtig, manchmal fast demütig nähert, weil er glaubt, dass seine Partei zu lange unsensibel für die besonderen ostdeutschen Befindlichkeiten gewesen sei, kann Baerbock selbstbewusst "Ich als Brandenburgerin" oder "Hier bei uns" sagen. Sie ist auch die einzige grüne Bundestagsabgeordnete aus dem Bundesland. 

"Bei uns im Osten" will Baerbock zum Beispiel dafür sorgen, dass es auch in dünn besiedelten Gegenden eine ausreichende Gesundheitsversorgung gibt und Schulen erhalten werden. Der Nahverkehr soll billiger und vor allem besser werden, aber auch Elektroautos sollen gefördert werden. Und natürlich wollen die Grünen raus aus der Kohle, am besten vor 2038.

Wer soll das bezahlen?

Das Wahlprogramm der brandenburgischen Grünen überzeugt an diesem Abend in Teltow bei Weitem nicht alle. "Ich habe andere Probleme als CO2 und Klima", sagt ein Mann mit grauem Stoppelhaarschnitt. Und überhaupt: Wie die Grünen ihre ganzen Ideen denn bezahlen wollten? Baerbock verweist auf Änderungen bei der Erbschaftssteuer oder den Kampf gegen Steuerhinterziehung. "Aha, Steuererhöhungen", knurrt der Mann. Er wird wohl kein Grünenwähler mehr.

Ohnehin ist der Grünenerfolg in Brandenburg nicht gleich verteilt. Ihre besten Ergebnisse erzielten sie bei der Europawahl im Mai im sogenannten Speckgürtel, also in jenen Regionen, die eng an Berlin grenzen und in denen es viele westdeutsche Zugezogene gibt – wie in Teltow etwa. Vor allem in den ländlichen Gegenden sieht es schlechter aus. In der Prignitz etwa, dem nordwestlichen Zipfel des Bundeslandes, der als besonders strukturschwach gilt, kann man kilometerweit über Land fahren, ohne auf ein einziges grünes Landtagswahlplakat zu stoßen. Kein Wunder: Auf einer Fläche, die mehr als doppelt so groß ist wie das gesamt Stadtgebiet von Berlin, gibt es gerade mal 39 Grünenmitglieder.

Wo die Grünen schon Volkspartei sind

Dennoch sind auch hier Anzeichen dafür erkennbar, dass sich gerade etwas verändert. Einen Tag nach ihrem Auftritt in Teltow ist Baerbock im zweieinhalbtausend Einwohner zählenden Städtchen Bad Wilsnack zu Gast. Im Park hinter der imposanten Backsteinkirche haben Frauen für das Treffen den Kaffeetisch unter einer riesigen alten Eiche gedeckt. Eine von ihnen ist Katharina Naumann, eine junge Sozialpädagogin, die erst seit einem Jahr in der Prignitz wohnt. Im Mai wurde sie für die Grünen in die Gemeindevertretung gewählt, als erste grüne Abgeordnete in der Geschichte der Stadt. "Dass das geklappt hat, hat mich selbst überrascht", gesteht Naumann. "Schließlich bin ich noch nicht sehr bekannt."

In Zernitz-Lohm, einer 800-Einwohner-Gemeinde im Nachbarlandkreis Ostprignitz-Ruppin wiederum, führt bereits seit 2014 eine grüne Bürgermeisterin die Amtsgeschäfte, die einzige in Brandenburg. Sie wurde gerade mit 84 Prozent wiedergewählt. In ihrer Nachbargemeinde sind die Grünen schon Volkspartei: Dort erzielten sie bei der Kommunalwahl 48 Prozent.

Um zu erahnen, was das für die Partei bedeutet, muss man sich vor Augen halten, dass sie bei den Landtagswahlen 2014 noch magere 6,2 Prozent erreichte. Vor der nächsten Wahl liegen die Grünen in den Umfragen bei 16 Prozent. Der positive Trend verdankt sich einerseits denselben Entwicklungen, die die Grünen derzeit überall stark machen: Die Klimakrise steht wieder ganz oben auf der Agenda und zugleich werden die Grünen von vielen als eindeutigster politischer Gegenpol zur AfD wahrgenommen, die bei der Landtagswahl in Brandenburg stärkste Kraft werden könnte.

Blick für den Osten

Für Benjamin Raschke, einen schlaksigen 36-Jährigen, der die brandenburgischen Grünen als einer von zwei Spitzenkandidaten im Wahlkampf führt, hängt der Lauf für seine Partei auch in besonderer Weise mit dem grünen Vorsitzenden-Duo Baerbock und Habeck zusammen. "So stark wie uns der Bundesvorstand zur Zeit unterstützt, hat es das noch nie gegeben", sagt Raschke "Die beiden Vorsitzenden haben einen besonderen Blick für den Osten."

Hätten früher einige Grüne den Parteinamen gerne wieder wie in den Achtzigern auf "Die Grünen" reduziert, sei nun völlig klar, dass man auf den Zusatz "Bündnis 90", der auf die ostdeutsche Bürgerrechtsbewegung verweist, nicht verzichten könne. "Das ist nicht selbstverständlich", sagt Raschke. Schließlich habe der Münchner Kreisverband der Grünen immer noch mehr Mitglieder als der gesamte brandenburgische Landesverband – und das, obwohl dieser seit Februar 2018 immerhin um 56 Prozent auf nunmehr 1.756 Mitglieder gewachsen ist.

Der Erfolg stellt die Grünen allerdings auch vor neue Probleme. "Wir stehen vor Aufgaben, an die wir vor drei, vier Monaten noch nicht mal gedacht haben", sagt Raschke. Am vergangenen Wochenende steht er in der Aula eines Potsdamer Gymnasiums, wo die Grünen einen kleinen Parteitag abhalten. Auch dort steht die Frage im Raum, wer denn Ministerpräsident oder Ministerpräsidentin wird, wenn die Grünen in einem Regierungsbündnis die stärkste Kraft sein sollten.