Wo andere vor einem großen Loch stehen, sieht Ingo Senftleben "eine Riesenchance". An einem sonnigen Donnerstagmittag im August blickt er über den Rand des Tagebaus Cottbus-Nord, der offiziell schon nicht mehr Tagebau heißt, sondern Cottbuser Ostsee. Trotz der bunten Schautafeln am Rand der Grube braucht es einiges an Fantasie, sich das karge Geröllfeld, das Erbe der Braunkohle in der Niederlausitz, als blaue Sommerfrische vorzustellen – als visionäres, lebenswertes Zukunftsprojekt. Nicht für den CDU-Spitzenkandidaten: Der neue Cottbuser Stadtteil, der am Ufer entstehen wird, soll CO2-neutral werden. Am Horizont dampft zwar noch das Kraftwerk. Doch die alten Gleise, über die die Kohle zum Verheizen ratterte, könnte man doch prima für grüne Mobilität nachnutzen. Und weil schließlich niemand Urlaub an Seen buche, um auf Kühltürme zu schauen, sollte man das mit dem Kohleausstieg doch gern ein paar Jahre vorziehen, findet Senftleben.

Nicht sonderlich originell, könnte man meinen. Die Grünen wollen früher aus der Kohle raus. Auch der frisch ergrünte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) fordert das. Aber die haben leicht reden. In Bayern wird schließlich nicht nach Kohle gegraben. In Brandenburg hängen Existenzen daran, Lebensgeschichten, Lokalstolz und Bergbauromantik. Ingo Senftleben will am 1. September bei der Landtagswahl gern Ministerpräsident werden. Er wäre der erste Christdemokrat, dem das gelänge. Doch selbst in der eigenen Partei gibt es Zweifler.

Die populistische Versuchung ist groß

Während die CDU auf Bundesebene noch immer um eine ökologische Linie ringt, geht er im konservativen Kohleland Brandenburg auf Risiko: Um früher auf andere Energien umzusteigen, soll ein Anreizsystem mit Prämien für die Regionen her. Der amtierende Ministerpräsident, der Sozialdemokrat Dietmar Woidke, lehnte einen beschleunigten Ausstieg bisher immer ab. Und gleichauf mit der SPD liegt in Umfragen kurz vor der Wahl die AfD. Eine Partei, die vom Kohleausstieg ohnehin nicht viel hält. Die Versuchung für die CDU, derzeit knapp Dritter, den Kohlebefürwortern nachzugeben, ist also riesig.

"Ich kann doch den Menschen nicht versprechen, dass sich bei ihnen nie etwas ändern wird", sagt Senftleben, der jetzt fünf Wochen lang, meist auf dem Rad, über die Dörfer und Städte gefahren ist. Er hat Feuerwehrhäuser besichtigt und an Gartenzäunen Hände geschüttelt. "Die Leute wissen insgeheim, dass Veränderung kommt. Wir müssen die Potenziale nach vorn stellen." Wer in der Lausitz verspreche, dass Tausende Industriearbeitsplätze sicher seien, sei ein Gaukler, so sieht Senftleben das. Nur um möglicherweise ein paar AfD-Stimmen zu gewinnen, will er auch hier in der Lausitz, wo die Rechtspopulisten die letzten Wahlen dominierten, nicht einknicken.

Progressiv und pragmatisch, dafür mit einer gewissen Scheu vor Populismus: Senftleben ist nicht der typische ostdeutsche Christdemokrat. Während in Sachsen CDU-Berater Werner Patzelt noch darüber sinniert, dass eine Koalition mit den Grünen die Partei zerreißen würde und der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen sich ganz sicher ist, dass so ein Bündnis "nicht denkbar" sei, findet Senftleben, dass die Grünen derzeit völlig zu Recht so stark seien. Überhaupt würde er nach der Wahl erst mal mit jedem reden. Selbst mit den Linken – ein Tabubruch in der CDU. Mit der AfD würde er aber unter keinen Umständen koalieren. Berechnung ist das alles nicht, eher sein Naturell.

Damit verfolgt er einen Kurs, der auch in der eigenen Partei nicht unumstritten ist. Beim Parteitag im Juni verweigerten ihm viele Delegierten die Stimme. Mit mageren 69,5 Prozent wurde er als Spitzenkandidat bestätigt. Und die Kandidatenliste mit den vielen Frauen drauf, mit der er in den Landtag ziehen wollte, wurde ihm an wichtigen Stellen von Kampfkandidaturen zerpflückt.

Als Senftleben den Brandenburger Landesverband 2015 als Chef übernahm, wurden auch Leute in der Berliner Parteizentrale auf den gelernten Maurer aus Ortrand aufmerksam, einem Dorf an der Grenze zu Sachsen. Galten die Potsdamer lange als notorisch erfolgloser Chaoshaufen, habe Senftleben Struktur und Ideen gebracht, sagt einer, der den Aufstieg des Brandenburgers damals im Adenauer-Haus verfolgte. Vier Vorsitzende in acht Jahren, eine davon musste 2012 wegen neurechten Anwandlungen einpacken. Senftleben, der bis heute die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin verteidigt, sticht heraus. Zur richtigen Zeit war er da, sicherte sich den Fraktionsvorsitz im Landtag und führt beide Ämter inzwischen deutlich länger als seine Vorgänger. Umso größer ist also bei vielen die Sorge, dass er nach einer möglichen Wahlniederlage abgesägt werden könnte.