Auf den ersten Blick ist Niemegk ein Ort wie viele andere in Brandenburg. Im Zentrum des 2.000-Einwohner-Städtchens 50 Kilometer südlich von Potsdam reihen sich niedrige, alte Häuser dicht an dicht um eine neugotische Backsteinkirche und einen kopfsteingepflasterten Markt. Die meisten Fassaden sind gut in Schuss, auch wenn viele der kleinen Ladenlokale in der Hauptstraße in den vergangenen Jahren dichtgemacht haben.

Und doch ist in Niemegk etwas anders als in vielen anderen Gemeinden in Brandenburg: Während die einst so mächtige SPD, die hier seit 1990 die Regierung stellt, bei der kommenden Landtagswahl ihr Ergebnis vom vorigen Mal zu halbieren droht, ist sie in Niemegk immer noch vergleichsweise stark. Bei der Europawahl im Mai erzielte sie hier ihr landesweit bestes Ergebnis. Und bei der gleichzeitig stattfindenden Kommunalwahl schnitt sie in Niemegk sogar mehr als doppelt so gut ab wie im Landesdurchschnitt.

Gibt es etwas, das die große SPD hier lernen könnte?

Im Rathaus von Niemegk, einem wuchtigen Renaissancebau schräg gegenüber der Kirche, öffnet ein braun gebrannter älterer Herr die schwere Holztür. Es ist Hans-Joachim Linthe, seit 2014 ehrenamtlicher Bürgermeister von Niemegk. Gerade erst wurde er mit 69,3 Prozent wiedergewählt. Linthe ist der dritte SPD-Bürgermeister in Folge, seit 1990 hat keine andere Partei dieses Amt in Niemegk besetzt.

Eine echte Straße der Jugend

Hans-Joachim Linthe, der dritte SPD-Bürgermeister von Niemegk in Folge © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

In Niemegk kennt Linthe jeden, und jeder kennt ihn. Er hat in dem kleinen Städtchen sein ganzes Leben verbracht. 1990 gehörte er zu denen, die die SPD im Ort mit aufbauten, seit damals ist der gelernte Informationstechniker auch Mitglied der Stadtverordnetenversammlung. Ein Mann der großen Worte ist der zurückhaltende 70-Jährige nicht. Um zu zeigen, was er und seine SPD-Vorgänger, aber auch die Stadtverordnetenversammlung insgesamt in Niemegk in den vergangenen Jahren richtig gemacht haben, lädt er lieber zu einem Spaziergang durch die Straße der Jugend ein.

Die hat ihren Namen noch aus der DDR-Zeit, doch überholt ist er deswegen nicht. Nach wenigen Schritten hört man Kindergeschrei. Hinter einem alten Fachwerkbau erstreckt sich ein großer Sandplatz mit Klettergerüsten und Spielhäuschen, Ahornbäume spenden Schatten, am Rand blühen Sonnenblumen. In der Kita Spatzennest werden derzeit 106 Kinder betreut. Demnächst soll angebaut werden. Die Kita hat mehr Anmeldungen, als sie annehmen kann.

Denn anders als man beim Anblick der verwaisten Geschäfte in der Innenstadt meinen könnte, ist Niemegk ein Ort mit Zuzug. Das war nicht immer so. Nach der Wende gingen vor allem junge Niemegker weg, darunter auch Linthes Töchter, weil sie hier keine Perspektive mehr sahen. "Seit einigen Jahren ist die Bevölkerungsentwicklung aber wieder konstant", sagt Linthe. Das habe auch mit dem Gewerbegebiet zu tun, das die Stadt schon in den Neunzigerjahren ausschrieb.

"Abgehängt sind wir hier nicht mehr"

Niemegk: Manch ein Geschäft in der Innenstadt ist verwaist, aber der Ort erfreut sich eines guten Zuzugs. © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

In den vergangenen Jahren sind nicht nur ehemalige Niemegker zurückgekehrt, zunehmend ziehen auch Familien aus Berlin oder Potsdam hierher. Die Mieten und Immobilienpreise sind weit niedriger als in den näher an den Zentren gelegenen Regionen, mit denen Niemegk durch die A9 verbunden ist. Seit zwei Jahren gibt es zudem einen stündlich fahrenden Bus, der auf die Regionalzüge in den Nachbarorten abgestimmt ist. "Abgehängt sind wir hier nicht mehr", sagt Linthe stolz. Mit vier bis fünf Prozent ist die Arbeitslosigkeit in diesem Teil Brandenburgs mittlerweile zudem ähnlich niedrig wie in Bayern oder Baden-Württemberg.

Zwischen der Kita und dem sanierten alten Wasserturm ein paar Meter weiter liegt das Freibad. Um zwölf Uhr Mittag glitzert das Wasser in dem großen Becken unberührt in der Sonne. An heißen Nachmittagen dagegen tummelten sich hier schon mal 200 Menschen, sagt Linthe. 2,50 kostet der Eintritt für Erwachsene und 1,50 für Kinder. Eine feste Schließzeit gibt es nicht. Geöffnet ist, bis der Letzte geht. Das Schwimmbad zu erhalten sei ihm und der Stadtverordnetenversammlung wichtig gewesen, sagt Linthe. Mit 60.000 Euro werde das Bad im Jahr bezuschusst. Dies sei nur möglich, weil sich auch andere Gemeinden aus der Umgebung daran beteiligten. Beim jährlichen Anbaden ist der Bürgermeister jedes Jahr dabei, selbst wenn die Außentemperatur wie in diesem Jahr mal nur 14 Grad beträgt.

Über einen großen Grasplatz gelangt man vom Schwimmbad zu einem weißen Flachbau. Seit März dieses Jahres hat hier das Familienzentrum der Arbeiterwohlfahrt seinen Platz, für das Gebäude, die Betriebskosten und die Instandhaltung kommt das Amt Niemegk auf. Es gibt eine Werkstatt, einen Bewegungsraum und eine kleine Bibliothek. In dem Zimmer, das heute der Begegnung dient, ist Linthe 1957 zur Schule gegangen. Bisher mussten die Sozialarbeiter ihre Angebote an wechselnden Orten anbieten. "Seit wir die Räume hier haben, läuft und brummt das Ding", sagt Corinna Reinbach, eine der Mitarbeiterinnen. "Hier kommen die unterschiedlichsten Menschen zusammen."