Hier können alle mit allen, außer der AfD – Seite 1

Brandenburg geht so: Da steht man ziemlich allein und ein wenig orientierungslos auf dem Alten Markt in Potsdam und sucht das Gebäude, in dem am Abend einer der wichtigsten Termine des hiesigen Landtagswahlkampfes stattfinden soll. Die Märkische Allgemeine Zeitung hatte alle sieben Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten zum Lesergespräch eingeladen. Ja, tatsächlich sieben! So sind die Verhältnisse hier inzwischen. Die Veranstaltung war sofort restlos ausverkauft. Aber entweder ist eine halbe Stunde zuvor noch keiner da oder alle Besucher sitzen schon viel zu früh drinnen im Saal auf ihren Stühlen. Eigentlich hatte man Menschenmassen auf dem Platz davor erwartet.

Zum Glück kommt Ingo Senftleben von der CDU, der nach den neusten Umfragen die meisten Chancen hat, neuer brandenburgischer Ministerpräsident zu werden, angeschlendert. Den kann man ja mal nach dem Weg fragen. Kurze Zeit später trippelt Ursula Nonnemacher von den Bündnisgrünen herbei, die am Wochenende in eher verschlungenen Worten bekannt gab, auch für das Amt der Ministerpräsidentin bereitzustehen. Als erste Grüne der Nachwendezeit, nebenbei gesagt. Sie grüßt und stellt sich daneben. Wie aus dem Nichts taucht Kathrin Dannenberg von der Linkspartei auf, die Damen umarmen sich, alle anderen begrüßen sich freundlich. Wenige Sekunden später stellt sich auch noch Dietmar Woidke, der SPD-Amtsinhaber, daneben, nur Andreas Kalbitz von der AfD hält ein paar Meter Abstand. Seine Partei führt die Umfragen im Moment an, aber da hier anders als in Sachsen eher alle mit allen können, hat er nicht die geringste Chance, in die Regierung zu kommen. Er wird auch den ganzen Abend lang der Außenseiter bleiben.

Politik in Brandenburg scheint eher eine Art WG zu sein. Alle kennen sich, die meisten sind nett zueinander, niemand rennt wortlos an den Kontrahenten vorbei oder versucht, durch einen Hintereingang ungesehen ins Gebäude zu kommen. Im Gegenteil, man bildet gleich ungefragt einen großen Kreis.

Volksparteien gibt es hier schon jetzt keine mehr

In Brandenburg ist nach der Landtagswahl am 1. September schlicht alles möglich: Hinter der AfD liegen CDU, SPD und Grüne dicht gefolgt von der Linkspartei nahezu gleichauf. Eine solche Situation ist in Deutschland völlig neu und beweist nicht zuletzt, wie spannend Politik im Osten im Moment ist, wie viel nach der Flüchtlingskrise 2015 und dem Erstarken der AfD hier in Bewegung geraten ist. Auf das Ende der Volksparteien muss man hier nicht mehr warten, es ist längst eingetreten. Brandenburg ist daher tatsächlich eine Art Labor geworden, auch weil der CDU-Mann Senftleben nicht einmal eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei ausgeschlossen hat. In seiner Partei ist so eine Position selbstverständlich umstritten, auch im eigenen Landesverband wird er dafür mächtig kritisiert. Aber ist es nicht genau jener Pragmatismus, den der Osten, der politisch anhaltend so anders tickt, braucht? Eigentlich schon längst gebraucht hätte?

Drinnen im Saal ist also wirklich jeder Platz besetzt, wie bei den meisten dieser Veranstaltungen überwiegen die Älteren. Nur die Grünen locken im Moment auch die Jüngeren vor die Tür. Und da stehen dann also alle sieben Kandidaten schon Minuten, bevor es losgeht, wie auf einer Perlenschnur aufgefädelt auf der Bühne und warten darauf, dass es endlich losgeht.

Die wichtigsten Themen: Internet und Nahverkehr

Brandenburg selbst ist, anders als es dieses einträchtige Bild verraten mag, ein äußerst gespaltenes Land. Dem fünftgrößten Flächenland der Bundesrepublik geht es mittlerweile in einigen Regionen ziemlich gut, in anderen eher schlecht und nichts deutet darauf hin, dass sich das ändern wird. Das erklärt das dichte Kopf-an-Kopf-Rennen der Parteien ebenso wie die Tatsache, dass die SPD hier seit 30 Jahren ununterbrochen regiert. Die Hauptstadt Berlin platzt derart aus allen Nähten, dass es so viele Leute ins Umland spült und brandenburgische Städte und Kommunen nach langen Jahren der Schrumpfung und des Wegzugs endlich wieder wachsen. Dieses Wachstum jedoch beschränkt sich auf den sogenannten Speckgürtel und Potsdam, Regionen wie die Prignitz oder auch die weitere Lausitz sind von solchen Entwicklungen eher abgeschnitten und werden es wohl auch bleiben. Zumal in der Lausitz das Ende der Braunkohle ansteht, dann werden bis spätestens 2038 noch einmal 8.000 Arbeitsplätze wegfallen.

Was die Brandenburger, aus völlig verschiedenen Gründen, deshalb am meisten interessiert, ist gar nicht so sehr der Rechtsruck in Teilen der Gesellschaft, sondern der Ausbau des Internets und des öffentlichen Nahverkehrs. Die einen, weil sie rund um Berlin morgens und abends in völlig überfüllten Pendlerzügen stehen, die anderen, weil in ihre Orte nur sehr selten überhaupt Züge kommen. Man mag denken, dass dieses Thema den Grünen in die Hände spielt, tut es auch, aber eigentlich hat es, genauer betrachtet, mit Klimaschutz gar nicht so viel zu tun. Brandenburg ist ein Pendlerland, die Menschen wollen schlicht besser von A nach B kommen. Ursula Nonnemacher muss auf dem Podium noch einmal darauf hinweisen, dass das auch dem Klima zugutekäme.

Ministerpräsident Woidke wirkt amtsmüde

Man ist also in der eigentlich komfortablen und für ein ostdeutsches Bundesland nicht gewohnten Situation, einen anstehenden Aufschwung gestalten zu können. Denn lange Jahre war es ja eher so, dass man wusste, selbst wenn man Bahnstrecken ausbauen würde, wäre niemand da, der die Züge benutzen würde. Ähnliches gilt für die Bildung, auch an Lehrern mangelt es überall, und nicht zuletzt für den Strukturwandel in der Lausitz. Fast 17 Milliarden Euro werden der Region in den kommenden Jahren bereitgestellt werden, eine so große Summe hat der Bund schon lange nicht mehr ausgegeben.

Ministerpräsident Dietmar Woidke mag sich davon nicht anstecken lassen, ein Wort wie Aufbruch nimmt er den ganzen Abend nicht in den Mund. Eher wirkt er ziemlich amtsmüde und scheint gedanklich bereits damit beschäftigt, seinen Rückzug zu organisieren. Brandenburg war mit den Ministerpräsidenten Manfred Stolpe und Matthias Platzeck für die SPD eine Art feste Burg, im Prinzip uneinnehmbar. Nun sind sie nach den jüngsten Umfragen bei traurigen 17 Prozent gelandet. Und aus Berlin können sie natürlich im Moment kaum Rückenwind erwarten. Es wirkt wie das Ende einer Dynastie. Und ein Spiegel der bundespolitischen Situation.

Senftleben verzichtet auf die typischen CDU-Plattitüden

Und so geht die Energie auf dem Podium eindeutig von Ursula Nonnemacher und Ingo Senftleben aus. Beide könnten nicht unterschiedlicher sein: Die 62-jährige Grüne stammt eigentlich aus Wiesbaden, war lange Jahre Ärztin in Spandau und ist Mitte der Neunzigerjahre mit ihrer Familie kurz hinter die Berliner Stadtgrenze nach Falkensee gezogen. Ingo Senftleben dagegen ist durch und durch Brandenburger, er lebt mit seiner Familie in einem kleinen Dorf in der Lausitz, ganz im Süden an der Grenze zu Sachsen. Auf die eine Seite des Hauses wirft ein Windrad seinen Schatten, auf der anderen Seite kann er die Abraumbagger sehen.

Der 45-Jährige ist kein typischer Konservativer. Vergleicht man ihn mit Michael Kretschmer aus Sachsen oder Mike Mohring aus Thüringen, fällt auf, dass er auf all die ideologischen Floskeln und Plattitüden verzichtet, mit denen viele von der CDU im Osten immer noch glauben, arbeiten zu müssen. Das Erste, was er auf dem Podium ungefragt sagt, ist, dass er nicht mit der AfD zusammenarbeiten wird. Er wiederholt es sogar noch einmal. Stattdessen hat er vor ein paar Tagen eine Art Klimaprogramm vorgelegt und kann sich, wie gesagt, sogar vorstellen, mit der Linkspartei zu koalieren. Für Kretschmer und Mohring wäre so etwas undenkbar.

Der AfD-Kandidat kann außer Provokation nicht viel beitragen

Die AfD rutscht an einem solchen Abend, an dem es um Sachfragen geht, trotz ihrer Stärke in den Umfragen fast automatisch in den Hintergrund. Trotz des großen medialen Interesses an ihr. Überraschend ist, dass sich Andreas Kalbitz gegen seine Statistenrolle nicht einmal zu wehren scheint. Brav antwortet er auf die Fragen zu Inklusion, Windrädern und Kohleausstieg. Die Partei ist natürlich gegen all das. Kalbitz versucht zu erklären, was der Wahlslogan "Vollende die Wende!", den man überall plakatiert, bedeuten soll. Irgendetwas von damals sei angeblich liegen geblieben, Freiheitsrechte wie die Meinungsfreiheit seien heute ebenso gefährdet wie in der DDR. Klar wird dabei vor allem eins: Einer wie Kalbitz funktioniert eigentlich nur in seinem – zugegeben nicht kleinen – Biotop. Stellt man ihn im bürgerlichen Potsdam zwischen all die anderen Politiker, kann er eigentlich außer Provokationen nicht viel beitragen und bekommt allenfalls Beifall von zwei, drei Leuten.

Zum Abschluss werden alle Kandidaten noch gefragt, mit wem sie am kommenden Wochenende eine Paddeltour unternehmen würden. Und es gibt wahrheitsgetreue Antworten: Die CDU würde am liebsten mit den Grünen, die SPD mit der Linkspartei und die AfD glaubt, auch weiterhin allein im Boot sitzen zu müssen. Über so viel Ehrlichkeit ist man wirklich verblüfft. Aber so geht offenbar Brandenburg.