Das sieht die Hamburger Politikwissenschaftlerin Christine Landfried ähnlich. An solche übergreifenden Multi-Bündnisse müssen sich die Wähler gewöhnen: "Die Entwicklung geht weg von Volksparteien hin zu Koalition der Kleinen", sagt sie. Auch eine Regierung von vier Parteien könne eine gute Arbeit leisten. "Die CDU ist nach links gerutscht, die Grünen sind bürgerlich geworden, die SPD kann mit beiden – das passt zusammen."

Doch können sich solch widersprüchliche Bündnisse wirklich halten? Zumal das einzige Bindeglied nicht innere Überzeugung wäre, sondern nur eine gemeinsame Abwehrhaltung gegen die AfD? Beim Wähler könnte so ein verhängnisvolles Bild entstehen: Egal welche Partei ich wähle, am Ende steht ohnehin eine Einheitsregierung. Einzige Alternative: AfD wählen. In Österreich hat nicht zuletzt die Endlos-Groko, also die Unfähigkeit, wechselnde Mehrheiten zu finden, den Rechtspopulisten von der FPÖ Stimmen zugetrieben. 

Das AfD-Narrativ: "Alle sind gegen uns"

Schon die Vorstellung, mit der Partei von Robert Habeck und Annalena Baerbock zu koalieren, überfordert heute konservative Christdemokraten: Werteunionist Hans-Georg Maaßen sagte im Wahlkampf, ein Bündnis mit den Grünen halte er für "nicht denkbar". Und der Politikwissenschaftler Werner Patzelt, der das CDU-Regierungsprogramm mitgeschrieben hat, glaubt, ein solches Bündnis würde die Partei "zerreißen". Auf seinem Blog schreibt er: "Sobald die sächsische CDU wunschgemäß mit den Grünen koaliert, wird aber ein Großteil der CDU-Wähler endgültig zur AfD abwandern." Selbst Ministerpräsident Kretschmer glaubt, 90 Prozent der Mitglieder in seinem Landesverband wollten ein Bündnis unter der Beteiligung der Grünen "partout nicht". Er gehöre dazu.

Nur die Alternative, eine Minderheitsregierung, ist eben auch nicht besonders verlockend: Zu groß wäre aus Sicht von CDU-Strategen die Gefahr, immer wieder auf Stimmen der Rechtspopulisten angewiesen zu sein. Was andere wiederum als schleichende Annäherung deuten würden.

Natürlich, meint der Dresdner Forscher Vorländer, sei eine solche ungewohnte Koalition mit den Grünen und möglichen weiteren Partnern für die CDU eine Herausforderung – und könne zudem das AfD-Narrativ "alle sind gegen uns" verstärken. Zumindest kurzfristig. Mittelfristig ist ein anderes Szenario denkbar: Wenn die Wähler merken, dass ihre Stimme für die AfD eine für die Opposition ist – also wenig bewirken wird –, kann der Druck auf die Partei wachsen, sich ihrerseits wieder an der politischen Mitte zu orientieren und Regierungswille sowie Kompromissbereitschaft zu üben.

Auch ein Blick nach Magdeburg zeigt: Geräuschlos regieren Not-Bündnisse zwar nicht. Aber die Kenia-Koalition in Sachsen-Anhalt hält mittlerweile das dritte Jahr. Die internen Spannungen stiegen, als 2017 im Landtag Abgeordnete der CDU gemeinsam mit der AfD stimmten, um die von der AfD beantragte Enquete-Kommission gegen Linksextremismus einzurichten. Doch Kenia blieb standhaft – auch mangels alternativer Bündnisoptionen.