Früher lief Wahlkampf doch üblicherweise so ab: Ein paar Bierzelte, Marktplätze oder Sporthallen werden mit Parteifreunden gefüllt, ein Promi, vielleicht sogar aus der Hauptstadt, darf reden, der Wahlkreisaspirant ein paar Grußworte aufsagen. Bier fließt, Würstchen werden gereicht. Als Vollendung dieser Entwicklung galt es dann, dass ganz nach amerikanischem Vorbild Luftballons regneten und Klatschpappen mit mittelmäßig kreativen Wahlsprüchen raschelten.

Und jetzt? Natürlich gibt es das Format Großkundgebung noch. Aber flankiert wird es von einem neuen Politiker-zum-Anfassen-Programm. Thüringens CDU-Spitzenkandidat Mike Mohring etwa lädt zum Wandern: Kyffhäuser, Wartburg, Greiz – Mitteldeutschland hat zweifelsohne seine Reize. Sein Parteikollege und Ministerpräsident von Sachsen, Michael Kretschmer, zieht mit seinem Grill übers Land und brät den Bürgern Würstchen. Jeder kann vorbeikommen, auch ohne Anmeldung. Und der Brandenburger Christdemokrat Ingo Senftleben bringt zu Brötchen und Bier gleich noch den Küchentisch seiner Großeltern mit. Man möge Platz nehmen und diskutieren.

Ist das noch Wahlkampf? Oder balzen Politiker inzwischen schon wie bei einem Rendezvous? Ein erstes Blind Date mit dem Wähler gewissermaßen. Da muss etwas geboten werden.

So ganz neu ist diese neue Nähe zwar nicht. Die Idee mit dem Küchentisch hatte schon mal ein sächsischer Sozialdemokrat, Martin Dulig war das. Und auch Peer Steinbrück stieg 2013 auf den Luhsen im Bayerischen Wald. Aber dabei konnte er kaum einen Schritt tun, ohne über die Tonangel irgendeines Kamerateams zu stolpern. Gut abgeschirmt von Berichterstattern war nicht mehr viel mit Intimität. Was die drei Christdemokraten derzeit in den Ost-Wahlkämpfen machen, hat schon eine neue Qualität.

Das Bierzelt steht im Netz

Das hat zum einen mit der Erkenntnis zu tun, dass man Wählerinnen und Wähler nicht mehr einfach zu sich bestellen kann. Um einen Marktplatz mit Parteifahnen und übersteuerten Mikrofonen macht fast jeder einen Bogen.

Außerdem drängen die drei, ob bewusst oder unbewusst, in den vorpolitischen Raum, wo weniger Argumente und Programme entscheiden, sondern das Gefühl, das ein Politiker vermittelt und das sich beim Wählen dieser oder jener Partei einstellen mag. Blasmusik und Bierseligkeit – die Dauerregentschaft der CSU in Bayern hat so ein emotionales Unterpfand. Der Höhenflug der Grünen übrigens ebenso. Kretschmers Grill sagt: Der Mann kümmert sich. Mohrings Stiefel: Da geht noch was. Senftlebens Tisch: Hier sind Sie willkommen.

Das Bierzelt als Ort, an dem man Politiker mal aus der Nähe erleben kann, existiert natürlich weiter. Nur steht es inzwischen vornehmlich im Netz. Auf Facebook und Instagram, so rechnen sich die meisten Wahlkämpfer aus, erreicht man sowieso mehr Menschen als in der Fußgängerzone oder auf der Bierbank zwischen Parteifreunden. Und man erreicht vor allem die Richtigen. Die Zielalgorithmen der Internetkonzerne sind präziser auf potenzielle Wählergruppen zugeschnitten als die Standorte der meisten Großplakate, so zumindest die Hoffnung.

Beim Grillen und Wandern verwischen allerdings die Grenzen zwischen analoger und digitaler Wahlkampfführung. Die Bild-Maschine im Netz will schließlich gefüttert werden mit neuen Motiven und möglichst authentischen Situationen. Wer im Wahlkampf wandert, macht das natürlich auch mit Blick auf schöne Schnappschüsse, Likes und Shares – der Politiker ist da nicht anders als viele Urlauber.

Einen ernsten Hintergrund dürfte diese neue Wahlkampfführung dennoch haben. Vermutlich haben sich die Bilder aus den letzten Jahren so tief eingebrannt, als Spitzenpolitikerinnen und -Politiker, vor allem in Ostdeutschland, von organisierten AfD-Claqueuren von den Bühnen und Plätzen gebuht wurden. Beim stundenlangen Bergaufwandern hingegen lässt sich schlecht "Merkel muss weg" krakelen. Kretschmers Grillfeste ruinieren, das ist dann vielleicht selbst unter dem Niveau vieler Rechtspopulisten. Und außerdem: Wer sagt schon Nein bei Gratis-Schwein? Und einzeln am Küchentisch, von Angesicht zu Angesicht, ohne die ganze Meute, so mag die Hoffnung der Strategen gewesen sein, sind manche Kläffer dann doch ganz zahm.