In den Medien wird häufig ein einseitiges Bild vom abgehängten Ostdeutschland vermittelt. Ein Pauschalurteil, das auch daher rührt, dass die wichtigsten Medien der Republik im Westen sitzen, schreibt der Kommunikationsberater Johannes Hillje.

Die Mitte von Deutschland liegt in Thüringen, zumindest geografisch. Jedenfalls wenn man als Definition den Mittelpunkt der äußersten Breiten- und Längengrade der deutschen Landkarte zugrunde legt. An diesem Punkt liegt der 1.300-Einwohner große Ort Niederdorla. Dort wird der nationale Mittelpunkt durch eine prächtige Kaiserlinde gewürdigt. Sie wurde 1991 gepflanzt, kurz nachdem ein Wissenschaftler die freudige Botschaft von der Einzigartigkeit Niederdorlas überbracht hatte.

In der öffentlichen Wahrnehmung liegt Thüringen nach wie vor im Osten. Die  Medienberichterstattung kennt auch 30 Jahre nach dem Mauerfall nur den Osten auf der einen Seite – derzeit liest man überall "der Osten wählt" oder die Parteien befänden sich im "Ostwahlkampf" – und Bayern, Niedersachsen, Hessen und alle weiteren auf der anderen Seite. 

Das Pauschalurteil "Westdeutschland" gibt es selten

Dieser ungleiche Blick der Medien auf die ehemals getrennten Teile des Landes lässt sich mit Zahlen aus der Datenbank Factiva, eines der umfassendsten Pressearchive, belegen: Der Begriff "Ostdeutschland" wurde in den letzten fünf Jahren mehr als doppelt so häufig (103.945) in deutschen Medien verwendet wie "Westdeutschland" (49.213). Beschränkt man die Auswertung auf die fünf auflagenstärksten Zeitungen, kommt man ebenfalls auf ein Verhältnis von 2:1 zwischen den Begriffen "Ost-" und "Westdeutschland".

Dieses Ungleichgewicht lässt sich kaum damit erklären, dass über Ostdeutschland in den letzten fünf Jahren mehr berichtet wurde. Vielmehr werden die fünf Bundesländer auf dem Gebiet der ehemaligen DDR oft als einheitlicher Block beschrieben, während "Westdeutschland" als pauschalisierende Beschreibung für den Rest des Landes seltener vorkommt. Dieser Teil Deutschlands wird differenzierter beschrieben, in der Regel werden die westlichen Bundesländer direkt beim Namen genannt. Die Formulierung "der Westen wählt" würden sich die meisten Journalistinnen und Journalisten wohl selbst dann verkneifen, wenn Hessen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen gleichzeitig wählen würden.

Geografisches Framing

Grund dafür ist unsere Medienlandschaft: Alle überregionalen Zeitungen werden im alten Westen produziert. Das ZDF, der Deutschlandfunk, die Mediengruppen RTL und ProSiebenSat.1 – allesamt West-Produkte. Nicht ein großer Verlag sitzt in der ehemaligen DDR. Damit ist der mediale Blick auf den Osten ein Fremdblick. Mehr noch: Mit dem Begriff "Ostdeutschland" wird die DDR permanent assoziativ reaktiviert. Man könnte zuspitzen: Dieses geografische Framing der politischen Berichterstattung reproduziert ein Stück weit die Teilung des Landes. Und zwar jeden Tag aufs Neue.

Nun ist der Fremdblick im Journalismus zunächst noch nichts Schlechtes, allerdings mutiert er inhaltlich in den derzeit auf allen Kanälen abgedruckten und ausgestrahlten "Ost-Reportagen" rasch zu ethnografischen Untersuchungen. Wie Berichte aus einer fremden Welt. In manchen Medien heißt es, man wolle "auf Spurensuche gehen" (Berliner Morgenpost), um die "Stimmungslage einzufangen" (ZDF). Bei der Nordwest-Zeitung aus Niedersachsen machte sich sogar der Nachrichtenchef, Alexander Will, auf gen Osten. "Was ist da also im Osten los?", fragte die Zeitung bei der Ankündigung der Podcast-Serie Will macht Ostdeutschland, was wie "Will macht rüber" klingt. Dass man Reporter erst einmal dorthin entsenden muss, zeigt ein weiteres Problem der westdeutschen Medien: Viele von ihnen haben zu wenig Personal in Ostdeutschland, meist nur einen Korrespondenten in Dresden oder Leipzig, der dann mehrere Bundesländer abdeckt. In Westdeutschland haben die überregionalen Zeitungen hingegen Büros in zahlreichen Städten, etwa wie die Süddeutsche Zeitung in Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt, Karlsruhe und Stuttgart.