Schon nach wenigen Sekunden wird klar: Dies soll eine Doppelkandidatur auf Augenhöhe um den SPD-Vorsitz werden. "Herr Scholz, Sie haben das Wort", wird der Vizekanzler und Bundesfinanzminister bei dem ersten gemeinsamen Auftritt mit seiner Co-Kandidatin in der Bundespressekonferenz angekündigt. Doch noch bevor Olaf Scholz sich in seinem Stuhl aufrichten und zum Mikrofon beugen kann, grätscht Klara Geywitz dazwischen: "Olaf Scholz und ich haben uns darauf geeinigt, dass ich anfange."

Allgemeine Heiterkeit. Geywitz, bisher weitgehend unbekannte Landespolitikerin in Brandenburg, schnappt Scholz mit seinen Jahrzehnten  Regierungserfahrung den ersten Aufschlag weg. Das muss man sich erst mal trauen.

Am Freitag hatte Scholz seine Kandidatur für den SPD-Vorsitz erklärt. Weil die SPD aber gern eine Doppelspitze wünscht, nach Möglichkeit paritätisch besetzt, Mann und Frau, war klar, dass er auf die Suche gehen musste. Am Dienstag wurde dann bekannt, dass Scholz' Wahl auf Geywitz gefallen ist: 43 Jahre alt, Landtagsabgeordnete aus Potsdam, zwischenzeitlich Generalsekretärin des Landesverbands und Mutter von drei Kindern.

Malermeister statt Metapolitik

Geywitz ist sichtlich bemüht, den Eindruck zu zerstreuen, der sich aufdrängt: Hier der erfahrene Machtpolitiker, der für seine Kandidatur eine Dreingabe braucht, für die Quote am besten jung, weiblich und aus dem Osten. Im Falle eines Siegs, sagt Geywitz, werde man die SPD partnerschaftlich und gleichberechtigt führen: Sie sei nicht "das dekorative Salatblatt an der Seite." Und: "Es wird nicht so sein, dass einer die Weltpolitik macht und der andere die Unterbezirksparteitage besucht."

Warum also tritt sie an? Statt einer ausgefuchsten Metaanalyse zum Zustand der Sozialdemokratie kommt von Geywitz eingangs eine Anekdote: Der "Malermeister Zacharias" aus Potsdam sei gestern bei ihr gewesen und habe gesagt, er finde das toll, dass eine einfache Frau aus dem Volk nach Berlin gehe. "Ostdeutsche haben ein feines Gespür dafür, wenn sie nicht vorkommen." Für sie, für Frauen und alle, die morgens aufstünden und zur Arbeit führen, mache sie Politik. Das ist wohl ihre Umschreibung für die "arbeitende Mitte", die vor ihr schon Sigmar Gabriel, Martin Schulz und Andrea Nahles unter unterschiedlichen Etiketten umwerben wollten.

Noch bis zum 1. September können sich Einzelkandidaten oder Paare um den SPD-Vorsitz bewerben. Danach werden alle Aspiranten in 23 Regionalkonferenzen durch ganz Deutschland touren. Am Ende steht ein Mitgliederentscheid, der zwar rechtlich nicht bindend ist, aber wohl doch Grundlage für die Wahl der neuen Vorsitzenden durch den SPD-Parteitag Anfang Dezember sein wird.

Die SPD – für Scholz eine persönliche Angelegenheit

Wie diese Wahl ausgeht, so der allgemeine Tenor, dürfte auch darüber entscheiden, ob und wie lange die große Koalition in Berlin noch Bestand hat. Scholz gilt als einer der Befürworter des Bündnisses mit CDU und CSU – während sich andere Kandidaten mehr oder weniger deutlich gegen die Koalition positioniert haben.

Genau vor dieser Rolle, hier die Koalitionsbefürworter, dort die Gegner, scheuen aber sowohl der Vizekanzler als auch seine Co-Kandidatin zurück. "Bei der Vorsitzendenwahl wird nicht über das Regierungsbündnis entschieden", sagt Scholz. Einen Mitgliederentscheid über die Koalition gab es ja auch schon Anfang vorigen Jahres. Damals stimmte eine recht deutliche Mehrheit der Genossinnen und Genossen dafür. Doch ob das jetzt immer noch so wäre, bei Umfragewerten knapp über zehn Prozent? Da sind sich Geywitz und Scholz wohl nicht mehr sicher.

"Manche sagen, diese Kandidatur ist eine für die große Koalition. Das ist sie nicht", sagt Geywitz. Dass die Bewerbung offensiv gegen die Koalition gerichtet ist, kann man aber auch nicht sagen. So fügt Geywitz hinzu, es gehe darum, Probleme zu lösen, und das gehe nun mal am besten in einer Regierung. Mehrfach wird sie gefragt, was sie von der Arbeit der Koalition halte. Jedes Mal drückt sie sich um eine Antwort herum. Lieber verweist sie auf die vereinbarte gemeinsame Halbzeitbilanz der Koalitionäre. Die aber wird, so liegt es in der Natur der Sache, wohl nicht allzu vernichtend ausfallen.

Welche Themen und Ziele die beiden genau mit ihrer Bewerbung verbinden, bleibt auch nach einer Stunde Pressekonferenz noch vage. Scholz sagt, die SPD werde gebraucht: "Das sehen auch ganz viele so, die noch nie SPD gewählt haben." Aufgabe der SPD sei es, "Sicherheit in diesen sich wandelnden Zeiten zu bieten". Und gehe es der Partei schlecht, sei das für ihn, seit seinem 17. Lebensjahr Sozialdemokrat, eine "Angelegenheit, die ich sehr persönlich nehme".