Die islamfeindliche und rassistische Organisation Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes, kurz Pegida, wurde im Herbst 2014 gegründet. In Dresden veranstaltete sie die ersten Demonstrationen gegen die Einwanderungs- und Asylpolitik in Deutschland und Europa. Seit mehr als fünf Jahren berichtet der Journalist Alexander Schneider, langjähriger Polizei- und Gerichtsreporter für die "Sächsische Zeitung", von den Kundgebungen. Im Interview erzählt er, warum der harte Kern der Bewegung nicht aufgeben wird und warum auch er weitermacht.

ZEIT ONLINE: Herr Schneider, Sie berichten für die Sächsische Zeitung über Pegida seit den ersten Demonstrationen in Dresden vor fast fünf Jahren. Etwa 150 der bisher knapp 190 Kundgebungen haben Sie beobachtet, so viele wie kaum ein anderer Journalist. Was sehen Sie dort inzwischen?

Alexander Schneider: Ich sehe eine Bewegung, die sich immer noch im Dresdner Stadtzentrum trifft, im Sommer jeden zweiten Montag. Die Menge ist im Laufe der Jahre auf einen harten Kern zusammengeschrumpft. Aber es sind noch immer etwa 1.000 Anhänger, manchmal mehr. Die Ereignisse in Chemnitz vor einem Jahr waren eine Zäsur. Dort hat die Pegida-Führung Seite an Seite mit AfD-Politikern demonstriert. So öffentlich wurden diese Bündnisse noch nie gezeigt. Aber danach ging die AfD zumindest öffentlich schnell wieder auf Distanz. AfD-Redner treten bei Pegida inzwischen nicht mehr auf. Die Bewegung hat generell Probleme Redner zu finden, man hört immer nur dieselben drei, vier Leute. Aber die Menschen gehen trotzdem hin.

ZEIT ONLINE: Warum – ist das nicht ein Haufen Nazis?

Schneider: Manche bezeichnen Pegida pauschal als Nazi-Bewegung, doch dafür ist die Menge zu diffus. Es sind Rechtsextremisten darunter, das stimmt, aber das ist nicht alles. Man sieht oft dieselben Gesichter. Andere gehen zum Kegeln, diese Leute gehen eben zu Pegida. Für viele ist das wie ein Verein. Dort gibt es Wohlfühlwärme, man wird in seiner Meinung bestärkt. Man sieht einige jüngere Leute, die jedoch selten mit Journalisten reden. Man sieht ein paar Paradiesvögel. Einer kommt immer in Cowboy-Montur. Ein anderer trägt immer ein beleuchtetes Kreuz durch die Gegend. Und ich sehe viele gut situierte Leute, 60 plus, Rentner, die früher ordentliche Jobs hatten, heute in ihren Häuschen wohnen. Viele erzählen mir, dass sie mit den Zuständen im Land nicht klarkommen und dass sie die Politik dafür verantwortlich machen.

ZEIT ONLINE: Warum besteht Pegida bis heute fort? 

Schneider: Im Januar 2015, als sich die damalige Pegida-Führung zerstritten hatte, glaubten viele: Das war's jetzt. Es war tatsächlich kurz Ruhe, aber dann ging es wieder los mit den Märschen. So vergingen die Jahre. Immer begleitet vom Warten: Es muss doch irgendwann vorbei sein.

Anfangs hatte Pegida 19 Thesen mit Forderungen veröffentlicht, es ging dabei unter anderem um eine Verschärfung der Asylpolitik. Vieles davon ist längst in den politischen Alltag eingeflossen, auch durch die AfD. Neue Forderungen kommen von Pegida schon lange nicht mehr. Die Bewegung hat eigentlich keinen Zweck mehr. Der frühere Dresdner Polizeichef, inzwischen Landespolizeipräsident, formulierte es mal so: Er glaubt, dass das irgendwann mal rein kalendarisch zu Ende gehen wird.

ZEIT ONLINE: Wie meinte er das?

Schneider: Die Leute gehen zu Pegida, solange sie können. Und wenn sie nicht mehr können, wird es Pegida nicht mehr geben. Das könnte stimmen. Wie sich Pegida finanziert, ist für uns Journalisten immer noch ein Rätsel. Es stehen bei den Kundgebungen Spendentonnen herum, da wird auch Geld eingeworfen, aber das kann nicht alles sein. Lutz Bachmann, der seit Mitte 2016 auf Teneriffa lebt und für die Kundgebungen nach Dresden fliegt, hat mal in einem seiner Gerichtsprozesse behauptet, er bekäme Spenden von Menschen, die Interesse an seiner politischen Arbeit hätten.

ZEIT ONLINE: Es gab eine Phase, in der die AfD und Pegida sich offensiv miteinander vernetzten, man warb füreinander. Wem hat das mehr genutzt?

Schneider: Als die AfD und Pegida anfingen zu kooperieren, hat das zunächst beiden Seiten zur Mobilisierung genutzt. Der AfD, die damals noch viel kleiner war, vermutlich ein bisschen mehr, denn deren Politiker hatten auf der Pegida-Bühne die Möglichkeit, sich bekannt zu machen. Aber Pegida hatte insgesamt einen immensen Einfluss, denn die Bewegung hat ein Tor geöffnet. Der Ton war von Anfang an hart, roh, abfällig. Es gab Sprechchöre wie "Wer Deutschland nicht liebt, muss Deutschland verlassen", die man bis dahin nur von Rechtsextremisten hörte. Durch Pegida ist der Diskurs nach rechts gerückt. Plötzlich haben Menschen auf der Straße menschenverachtende Dinge gesagt. Durch die AfD sieht man inzwischen bundesweit, dass heute anders gesprochen wird als vor fünf Jahren.

ZEIT ONLINE: Warum begleiten Sie weiterhin die Pegida-Kundgebungen für die Sächsische Zeitung?

Schneider: Für uns ist es eine Chronistenpflicht. Früher sind viele Kolleginnen und Kollegen hingegangen, aber das hat nachgelassen. Ich bin übriggeblieben und ein Kollege, der mich seit zwei Jahren begleitet. Meist sind wir die einzigen Journalisten. Manchmal kommen Journalisten von auswärts, um sich das auch mal anzuschauen, aus New York, Asien und sonst woher. Pegida ist eine radikale Bewegung, da passieren Straftaten. Das muss man im Auge behalten. Ich bin Polizei- und Gerichtsreporter und habe bei Pegida von Anfang an bekannte Gesichter gesehen. Leute, die in Hooligan-Prozessen und rechtsextremen Netzwerken auftauchten. Da zeigen sich Verbindungen. In der ersten Zeit haben wir über Pegida groß in der Zeitung berichtet, aber das wurde natürlich immer weniger. Inzwischen vermelden wir nur noch, wenn zum Beispiel etwas Polizeirelevantes passiert. Es gab aber auch Zeiten, als Pegida noch größer war, wir intensiver berichtet haben, da haben uns auch Leser angerufen und wütend beschimpft, weil sie nichts mehr über Pegida in der Zeitung lesen wollen. Da habe ich ebenfalls gestaunt, dass einige so eine Bewegung mitten in ihrer Stadt lieber ignorieren würden.

ZEIT ONLINE: Gibt es auch einen persönlichen Antrieb für Sie Pegida zu beobachten?

Schneider: Man sieht, wie sich dort Verhaltensweisen ändern. Dinge ins Kippen kommen, die unser Land eigentlich zusammenhalten. Ich stamme aus Bayern, lebe aber schon seit 27 Jahren im Osten. Sicher, in Westdeutschland lief früher auch nicht alles toll. Aber ich finde, unser Land hat sich doch super entwickelt. Als dann noch die Einheit dazukam, das war ein Highlight für mich. Und jetzt sehe ich, wie es hier die Sehnsucht nach weniger Pluralismus, nach Führerfiguren, nach völkischer Politik gibt. Das macht mich fassungslos.

ZEIT ONLINE: Die Pegida-Führung betont, dass man friedlich sein will, doch es kommt immer wieder zu Straftaten, vom Gerangel bis zu Hitlergrüßen. Wie ist das Verhältnis von Anspruch und Wirklichkeit bei Pegida?

Schneider: Gewalt war immer dabei. Von Seiten einiger Pegidisten und einiger Gegendemonstranten kamen anfangs schon mal Steine oder Böller geflogen. Seit Chemnitz hat etwa die Zahl von Hitlergrüßen gefühlt zugenommen. Das könnte aber auch daran liegen, dass die Polizei seitdem genauer hinschaut. Die Polizei würde sagen, dass es insgesamt eher friedliche Demonstrationen sind. Wenn man die große Anzahl der Kundgebungen mit der Anzahl der Strafbestände verrechnet, stimmt das auch. Beim Dresdner Stadtfest passiert jedenfalls mehr. Man muss aber auch sagen: Beim Stadtfest werden keine Journalisten angegriffen. Bei Pegida passiert das schon mal.